Klassiker · Rezensionen

Rezension „Oliver Twist“ von Charles Dickens ★★★★

Ein Klassiker zum Lachen, Weinen und Mitfiebern in der typischen spitzfindigen und sozialkritischen Art Charles Dickens.

„Oliver Twist war schon zu Lebzeiten einer der populärsten Romane von Charles Dickens. Dieser wurde von 1837 bis 1839 in 24 Folgen als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift „Bentley’s Miscellany“ herausgebracht.
Bereits 1838 erschien die erste Buchausgabe und diese wurde bereits damals in viele Sprachen übersetzt. Noch bis kurz vor Charles Dickens Tod 1870, hielt dieser Lesungen zu diesem Roman ab.

Oliver Twist Erstausgabe
© Wikipedia

Von dieser Popularität hat dieser Roman bis heute nichts eingebüßt. Es werden immer weitere Neuerscheinungen publiziert, es gibt unzählige Bühnenstücke und auch den Weg zum Film hat dieser Roman gefunden und ich bin mir sicher, daß diese Faszination noch lange anhalten wird.

Ich persönlich bin allgemein von Charles Dickens, von seinen Romanen und Kurzgeschichten fasziniert und es vergeht kein Weihnachten, an dem ich keinen Charles Dickens-Roman lese. Daher ist es für mich schwer eine Rezension zu verfassen, die dem Schriftsteller und in diesem Falle auch dem kleinen Oliver Twist, gerecht wird. Ich entschuldige mich schon im Voraus, falls ich diese Aufgabe nicht erfüllen sollte.

Und nun begeben wir uns in die Welt des kleinen Oliver Twist.

Charles Dickens 4
© Pink Anemone

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Sozialkritisches Märchen, spannender Krimi und packendes Drama

Fast jeder kennt die Geschichte rund um Oliver Twist, welcher in bitterer Armut zuerst im Waisenhaus und anschließend im Arbeitshaus aufwuchs und dabei Zeit seines jungen Lebens von kaltherzigen Aufsehern schikaniert und misshandelt wurde.
Selbst als er in die Lehre eines Bestatters kommt, nimmt sein Leid kein Ende. Schließlich flüchtet der kleine Oliver nach London.
In den düsteren Slums der Großstadt fällt der Junge dem gerissenen, wie auch skrupellosen Fagin in die Hände. Dieser ist so etwas wie der Don einer kleinen Diebesbande, mit allen Wassern gewaschen und ein wahrer Puppenspieler, wenn es darum geht andere dahingehend zu manipulieren damit sie das tun was er will.
Dieser hat schon ein nahezu seltsame ausgeprägtes Interesse aus Oliver einen Verbrecher zu machen. Dieses Interesse scheint mit der Herkunft des Jungen zu tun zu haben. Woher stammt Oliver wirklich und wer waren seine Eltern?…(Inhaltsangabe)

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Man mag es kaum glauben, aber Charles Dickens hat viel Autobiographisches in diese Geschichte fließen lassen.
Er selbst wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und sein Vater saß im Marshalsea-Schuldgefängnis ein, nahm die Familie mit und Charles wurde gezwungen in einer Fabrik zu arbeiten.

Dies ist auch der Grund der äußerst realistischen und präzisen Schilderungen der Verhältnisse in Armenhäusern, der unmenschlichen und kaltherzigen Behandlung von Armen und Schwachen, sowie des kriminellen Milieus. Als unpolitischer Moralist war es Dickens daher ein Anliegen diese Verhältnisse in seinen Romanen offen zu legen. Dies ist seine Art auf das vom Parlament beschlossene Armengesetz, in der materielle Zuwendungen an Bedürftige abgeschafft wurden, zu reagieren.

charles Dickens london
Paul Martin: Street ‘urchins,’ London, UK, 1893 / © Courtesy: http://www.phaidon.com)

Auf seine satirische und humoristische Art werden hier die ausführenden Organe, sowie die höhere Gesellschaft an den Pranger gestellt. Dies auf so skurrile und sarkastische Art und Weise, sodass man als Leser des Öfteren ein Schmunzeln auf den Lippen hat. Charles Dickens besaß wirklich einen sehr schwarzen und bösen Humor.
Doch auch die packende Erzählweise und der Handlungsverlauf machen diesen Roman zu etwas besonderem. Dickens schafft es am Ende eines jeden Kapitels einen Cliffhanger einzubauen und die Handlung selbst entwickelt sich im Verlauf immer mehr zu einem spannenden Thriller. Hier macht Dickens auch nicht Halt einen brutalen Mord sehr bildhaft zu beschreiben, was ich bisher so überhaupt nicht von ihm kannte.
Aber auch herzzerreißende und zu Tränen rührende Szenen sind inbegriffen, sowie melodramatische Szenen.
Die Charaktere mögen zwar etwas überzeichnet und befremdlich sentimental wirken – die Guten sind unerträglich tugendhaft, die Bösen abgrundtief böse – aber auch dies trägt dazu bei, sich in die Zeit Charles Dickens versetzen zu lassen.

Doch trotz durchaus stellenweise spannender Szenen, die an einen Thriller erinnern, besticht der Roman eher weniger durch den Plot, als durch die Thematisierung der damaligen Verhältnisse und Zustände der ärmlichen Bevölkerung und der Behandlung dieser durch die Gesellschaft. Dies erkennt man vor allem  gegen Ende des Romans an der scheinbar wirren Zusammenführung der Handlungsstränge und der darauffolgenden Auflösung, mit der ich nicht ganz so glücklich bin.

Die Übersetzung dieser Aufgabe durch Gustaf Meyrink (1868-1932 / Österreichischer Schriftsteller [„Der Golem“] und Übersetzer). ist meiner Meinung nach die beste der bisher von mir gelesenen. Und das, obwohl dieser sehr viel mehr Sozialkolorit einbringt als es Charles Dickens getan hat.
Meyrink bringt verschiedene Dialekte ein wie z.B. die typische Gossen- und Gaunersprache, welche sehr starke Züge des österreichischen Dialekts aufweist, sowie den typischen „jiddischen“ Slang. Dies ließ mich zusätzlich zu Charles Dickens‘ Sarkasmus mehrmals schmunzeln.

Charles Dickens übersetzer
© gettyimages.com

Diese Ausgabe enthält auch 24 Illustrationen der Erstausgabe von dem damals sehr bekannten Karikaturisten George Cruikshank (1792-1878).

Charles Dickens 3
© Pink Anemone

Die dtv-Ausgabe beinhaltet auch ein äußerst interessantes Nachwort bezüglich der Entstehungsgeschichte dieses Romans, sowie eine biographische Zeittafel von Charles Dickens. Ein ausschlaggebender Grund für mich mir immer öfter einen Klassiker aus diesem Verlag zu zulegen.

Fazit:
Ein wunderschöner Dickens-Klassiker, der einem lachen, weinen und mitfiebern lässt und so viel mehr enthält als nur die Geschichte eines armen Waisenjungen. Es ist sozialkritischer Realismus mit humoristischen Zügen, der einem zum Nachdenken anregt.
Daher eine absolute Leseempfehlung für alle Klassik-Liebhaber und solche die es werden wollen.

© Pink Anemone

Charles Dickens 2
© Pink Anemone

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Weitere rezensierte Bücher von Charles Dickens

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Weitere Buchinformationen

Unabhängiger und selbständiger Kauf des Buches!

  • Taschenbuch: 480 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft; Auflage: Mit den Illustrationen der Erstausgabe (1. November 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423136162
  • ISBN-13: 978-3423136167
  • Größe und/oder Gewicht: 12,1 x 3 x 19,3 cm
  • Preis: 9,90€ (Stand vom 10.10.2017)

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Autoren-Info
Charles Dickens - The Telegraph
© The Telegraph

* 7. Februar 1812 in Landport bei Portsmouth, England; † 9. Juni 1870 auf Gad’s Hill Place bei Rochester, England.
Dickens ist einer der meistgelesenen Schriftsteller der englischen Literatur. Bereits zwischen 1857 und 1892 verkaufte allein die Verlagshandlung Chapman & Hall (London) 700.000 Exemplare seiner Werke. Dickens, der als geschäftstüchtig galt, hinterließ bei seinem Tod ein beträchtliches Vermögen, das auch aus Immobilienbesitz bestand.
Dickens’ Charaktere, die sich durch ihre skurrilen Namen auszeichnen, zählen zu den wohl einprägsamsten in der englischen Literatur. Die Charakterzüge von Protagonisten wie Ebenezer Scrooge, Tiny Tim, Jacob Marley, Oliver Twist etc., sind so bekannt, dass sie sich als Teil der britischen Kultur etablierten und in manchen Fällen sogar in die Alltagssprache übergingen, wie „a scrooge“ als Synonym für „a miser“ (Geizhals oder Geizkragen). Viele von Dickens’ Charakteren sind nicht völlig frei erfunden, sondern beruhen auf Personen, die er selbst kannte. (Wikipedia)

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3 Kommentare zu „Rezension „Oliver Twist“ von Charles Dickens ★★★★

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