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Besprechung und Rezension zu „Der Nachsommer“ von Adalbert Stifter ★★★

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Meiner Rezension zu „Der Nachsommer“ möchte ich diesmal eine etwas ausführliche Besprechung zu diesem Werk voranstellen. Mir gingen beim Lesen und vor allem beim Schreiben der Rezension so viele Dinge durch den Kopf, welche für eine Rezension zu ausführlich wären. Falls also jemand nur die Rezension, aber nicht meine geistigen Ergüsse lesen möchte, dann bitte hinunter scrollen.

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© commons.wikimedia.org

Informationen zum Autor:
Adalbert Stifter – geboren am 23. Oktober 1805 in Oberplan ( eine Stadt am Böhmerwald im heutigen Tschechien); gestorben am 28. Jänner 1868 in Linz (Oberösterreich) – war ein österreichischer Schriftsteller, Maler (wollte ursprünglich Landschaftsmaler werden) und Pädagoge. Er zählt zu den bedeutendsten Autoren des Biedermeier.
Von 1826-1830 studierte Stifter Jus an der Universität Wien. Sein Studium finanzierte er durch Privatunterricht als Hauslehrer und in diese Zeit fallen auch erste dichterische Versuche. Gleichzeitig verliebte er sich unglücklich in Fanny Greipl (1808–1839), die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns , die seine Werbebriefe nicht erwiderte. Stifter verfiel in zunehmende Selbstzweifel, die er mit Alkohol zu verdrängen versuchte. Die unglückliche Beziehung zu Fanny belastete auch seine Leistungen an der Universität, sodass er 1830 sein Studium ohne Abschluss abbrechen musste. Dieses Ereignis wird auch im Werk „Der Nachsommer“ thematisiert – die Beziehung zwischen Risach und Mathilde).
Stifter galt als übermäßiger Esser und Trinker, was als ursächlich für seine gesundheitlichen Probleme angesehen werden kann.
Von den zunehmenden Beschwerden einer Leberzirrhose geplagt, öffnete sich Stifter am 26. Jänner 1868 auf dem Krankenbett mit einem Rasiermesser die Halsschlagader. Er starb zwei Tage darauf. Sein Suizid blieb in der Todesurkunde unerwähnt, da Selbstmörder zur damaligen Zeit nicht in „geweihter Erde“ bestattet wurden. Auf dem St. Barbara-Friedhof in Linz fand Adalbert Stifter seine letzte Ruhestätte. (© Wikipedia)

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Von St. Barbarafriedhof – von Verwalter des St. Barbarafriedhofs (clemens.frauscher@barbarafriedhof.at)

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Am 28. Jänner jährte sich Adalbert Stifters Todestag zum 150. Mal und zu diesem Anlass wollte ich ursprünglich ein Adalbert Stifter-Special schreiben. Außerdem wurde es für mich wirklich langsam Zeit etwas von diesem viel gerühmten österreichischen Schriftstellers zu lesen. Hierfür kam mir die Neuerscheinung von „Der Nachsommer“ aus dem dtv-Verlag mehr als gelegen. Anbei ein herzliches Dankeschön an den dtv-Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar auf Anfrage zuschickte.

Die Freude war groß als Anfang Jänner das Buch eintraf, las sich die Inhaltsangabe doch überaus interessant:

Auf seinen naturkundlichen Wanderungen begegnet der Ich-Erzähler Heinrich Drendorf seinem späteren väterlichen Freund, dem Freiherrn von Risach, auf dessen Landgut. Dort lernt er nicht nur eine neue Form der Lebens- und Wirklichkeitsbewältigung kennen, sondern auch seine spätere Frau Natalie und deren Mutter Mathilde Tarona, die auf geheimnisvolle Weise mit Risach verbunden ist.

»›Der Nachsommer‹ ist der Bildungsroman schlechthin, ein rührend-unheimlich deutsches Buch aus Österreich, welches dem Leser das Menschlichwerden zeigen will.« Walther Killy….(Klappentext)

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Doch bereits nach den ersten paar Seiten wurde mir klar, dass dies alles andere als eine leichte Lektüre wird. Um mich vollends auf dieses Werk einlassen und auch verstehen zu können, recherchierte ich erstmal was es damit überhaupt auf sich hat. Weshalb wird es hochgelobt, was ist die Besonderheit daran? Doch auf den meisten Seiten wird hauptsächlich um den heißen Brei geredet, andere Schriftsteller, die von Adalbert Stifter hoch begeistert waren, werden zitiert, oder man liest schwammige Aussagen wie z.B.  im Klappentext selbst „…welches dem Leser das Menschlichwerden zeigen will“.

Also wieder auf Anfang, das Buch lesen, nebenher recherchieren, um die Motivation hoch zu halten und daraus eine kleine und einfache Informationsrunde zu dem Werk, aber auch zu Adalbert Stifter selbst, in meinen Worten und mit mancherlei Überlegungen einer meiner erschaffen:

Dieses Werk beinhaltet viele autobiographische Züge Stifters, jedoch nicht den Hauptprotagonisten Heinrich betreffend, sondern den erst später auftretenden Protagonisten Risach. Hierbei auch in Bezug auf dessen Liebesgeschichte (siehe Kurzbiographie bei Informationen zum Schriftsteller). Denn Heinrich ist eher das Gegenteil von Adalbert Stifter und hier stellte sich  mir eher die Frage, ob Stifter gern wie Heinrich gewesen wäre?
„Ich strebte nach Dingen, die meine Freude waren und wenig kosteten, weit weniger als die Vergnügungen, denen meine Bekannten sich hingaben. Ich hatte in Kleidern, Speise und Trank die größte Einfachheit, weil es meiner Natur so zusagte, weil wir zur Mäßigkeit erzogen waren,…“ (S. 35)

Dies liest sich äußerst amüsant wenn man weiß, dass Stifter dem Alkohol und dem guten Essen keineswegs abgeneigt war. Ja, er sogar bis zu 6 Mahlzeiten pro Tag genoß und das 2. Frühstück durchaus schon ein Schnitzel mit Kartoffelsalat beinhalten konnte (© Wikipedia). Des Weiteren waren ihm Geldsorgen keineswegs fremd.
Heinrich hingegen weist diesbezüglich sehr maßvolle Eigenschaften auf.
Wird hier also dem Tatsächlichen-Ich das Wunsch-Ich gegenüber gestellt? Bei allen Interpretationen die ich dazu gelesen habe, wäre dies wohl die einzige Interpretations-Möglichkeit, welche nie irgendwo Thema war.
Auch werden in diesem Werk viele Freunde und Bekannte porträtiert und auch die literarischen Einflüsse, welche Stifter prägten, finden hier Aufmerksamkeit.

Dies sind alles durchaus interessante Fakten das Werk „Der Nachsommer“ betreffend, aber deswegen las es sich nicht viel leichter.

Selbst zur Zeit der Erstausgabe 1857 war Stifters Werk „Der Nachsommer“ zunächst kein großer Erfolg und die erhoffte Anerkennung blieb aus. Doch Adalbert Stifter war in gewisser Weise sogar stolz darauf NICHT verstanden zu werden, da er ohnehin nur von „seinesgleichen“ verstanden werden wollte, und zwar von denjenigen die, wie er, die Industrialisierung aufhalten wollten, die dem Fortschreiten der Zeit kritisch gegenüber standen. Und schon dazumal wurde Stifters weitschweifiger Stil kritisiert. So sagte dazumals schon Hebbel:

„Was wird hier nicht alles betrachtet und geschildert…es fehlt nur noch die Betrachtung der Wörter, womit man schildert, und die Schilderung der Hand, womit man diese Betrachtung niederschreibt …“ (© Wikipedia)

Nachdem ich das gelesen hatte fühlte ich mich gleich um einiges besser. Also ging es nicht nur mir so, sondern schon dazumal so manchem Zeitgenossen Stifters.

Diese Weitschweifigkeit ist hier nämlich mehr als nur leicht ausgeprägt. Dieses Werk besteht förmlich aus Schilderungen und Betrachtungen. Selbst das vorbeiziehende Wetter wird hier ewig lang und breit beschrieben, um einzig und allein die große Frage aufzuwerfen: „Wird es heute regnen oder nicht?“

Bewundert wurde „Der Nachsommer“ hingegen von Friedrich Nietzsche und Thomas Mann (an seinem Zauberberg las ich übrigens ein halbes Jahr), wobei Thomas Mann in diesem Werk viel exzessive Leidenschaft und dergleichen herausgelesen haben will. Meiner Meinung nach ist jedoch genau das Gegenteil der Fall.
Die unglückliche Liebesgeschichte Risachs, zeigt eher auf wie gefährlich und schädlich ungezügelte Leidenschaft sein kann und das Sittsamkeit das wahre Gut ist. Doch ich möchte mich nicht mit einem Thomas Mann messen, denn ich bin alles andere als ein Interpretations-Genie. Im Grunde las ich einzig und allein nur die Leidenschaft der weitschweifigen Schilderungen heraus.

Um diese Kritik jedoch etwas abzumildern, muss ich dazu sagen, dass dies durchaus seinen Sinn hat, nämlich die pure Entschleunigung und dies war genau das, was Adalbert Stifter damit bezwecken wollte.

Die Charakterzeichnung wird in der Rezension thematisiert und kommt bei mir wohl auch nicht wirklich gut weg.
Ob ich in nächster Zeit ein weiteres Werk von Adalbert Stifter lesen werde wage ich zu bezweifeln, doch völlig aufgegeben habe ich diesen Schriftsteller noch nicht. Es besteht immerhin die Möglichkeit, dass mir frühere Werke Stifters mehr zusagen. Doch erstmal lege ich eine Stifter-Pause ein.

Nun aber zu meiner Rezension, welche auf diversen Plattformen veröffentlicht wird. Diese enthält weniger Informationen und Gedanken meinerseits und konzentriert sich eher auf die Qualität der Neuerscheinung dieses Werks aus dem dtv-Verlag.

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Die Entschleunigung des Lesens

der nachsommer 3
© Pink Anemone

„Mein Vater war ein Kaufmann. Er bewohnte einen Teil des ersten Stockwerkes eines mäßig großen Hauses in der Stadt in welchem er zur Miete war..“ (S. 7 – Anfang)

Wie soll man einem Literaturklassiker gerecht werden, wenn man sich einen Monat lang durchgequält hat? Diese Frage stellte ich mir bereits nach den ersten Seiten dieses Buches.

Ich liebe Klassiker, angefangen bei Shakespeare, über Lessing bis hin zu Tolstoi. Dabei schätze ich vor allem die Sprachgewalt, die Poesie und den bildhaften Erzählstil, inklusive der Detailverliebtheit. Doch gerade diese langatmigen Beschreibungen und die ständigen Abschweifungen ins Detail, machten mir das Lesen von „Der Nachsommer“ mehr als schwer.

Die Handlung schreitet nur mit überaus kleinen Schritten voran, nahezu stockend und humpelnd und zwar aufgrund diverser minutiöser Beschreibungen von Gemälden, Pflanzen und selbst von Steinen.

„Ich war schon als Knabe ein großer Freund der Wirklichkeit der Dinge gewesen, wie sie sich so in der Schöpfung oder in dem geregelten Gange des menschlichen Lebens darstellte…“ (S. 24)

„Der Vater pflege zu sagen, ich  müßte einmal ein Beschreiber der Dinge werden,…“ (S. 25)

Genau, und schlußendlich war er das auch.

Aber so sehr Stifter auch auf die Darstellung von Natur und Kunst eingeht, die Charaktere bleiben auf den 730 Seiten blass und vor allem langweilig.
Hier fällt kein böses Wort und Missverständnisse gibt es hier ebenso wenig. Selbst als Risachs Geheimnis gelüftet wird, herrscht hier Verständnis und Einigkeit.
Immerzu herrscht hier Harmonie und höchste Idylle, dass es kaum auszuhalten ist. Hinzu kommen die ständigen Wiederholungen der alltäglichen Rituale – die Neurotik des Biedermeier lässt grüßen.

Diese Art des Schreibens ist von Adalbert Stifter jedoch so beabsichtigt. Die Industrialisierung machte zu dieser Zeit auch vor Österreich nicht Halt. Aber wie Franz I. und Metternich, so war auch Stifter gegen diese Modernisierung und versuchte sie, zumindest in diesem Werk, aufzuhalten – den Fortschritt entschleunigen.

Bei mir rief es auch eine Entschleunigung hervor und zwar die des Lesens.
„Der Nachsommer“ ist also keineswegs ein Klassiker den man mal schnell zwischendurch lesen kann und auch nicht sollte.
Man muss sich dafür Zeit nehmen, darin eintauchen und diesen wirken lassen. In der heutigen schnelllebigen Zeit mit Sicherheit ungewohnt, aber durchaus nicht verkehrt und eben auch genau das was von Stifter beabsichtigt war. Für mich persönlich war das nichts.

Das Werk enthält aber auch gleichzeitig wunderschöne Zitate, welche zum Nachdenken anregen:

„…der Mensch sei nicht zuerst der menschlichen Gesellschaft wegen da, sondern seiner selbst willen. Und wenn jeder seiner selbst willen auf die beste Art da sei, so sei er es auch für die menschliche Gesellschaft.“ (S. 15)

Trotzdem werden Herr Stifter und ich wohl keine Freunde. Sein Schreib- und Erzählstil sind sehr speziell und nicht für jeden geeignet. Man muss diesen Stil schon mögen – ich tue es nur bedingt.

Die vorliegende Neuauflage aus dem dtv-Verlag ist jedoch mehr als nur gelungen. Hier wurde nämlich die Urfassung beibehalten, inklusive der etwas ungewöhnlichen Interpunktion Stifters. Ja, selbst hier hatte Adalbert Stifter seine Eigenheiten. Diese spezielle Art Kommas zu setzen, sollte seinen Stil intensivieren. Nun ja, diese Tatsache machte das Lesen nicht unbedingt leichter.
Es wurden aber auch die Laut- und Wortformen , sowie die alten österreichischen Bezeichnungen beibehalten.

Die meisten Verlage scheuen sich davor, solche Eigenheiten beizubehalten und modernisieren Texte, Passagen und ganze Werke. Nicht so beim dtv-Verlag, der aufgrund dessen für mich die erste Adresse bei Neuauflagen von Klassikern ist.

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© Pink Anemone

Wie gewohnt erhält man im Nachwort Informationen über das Werk und dessen Entstehung und es beinhaltet eine kleine, aber durchaus ausführliche Biographie des Autors mittel Zeittafel. Ich muss gestehen, diese Anhänge lasen sich spannender als „Der Nachsommer“ selbst.

Fazit:
Der Schreib- und Erzählstil von Adalbert Stifter ist sehr speziell (anstrengend trifft es wohl besser). Dies muss man mögen, um das vorliegende Werk vollends genießen zu können. Ich konnte es leider nicht. Diese Abschweifungen und detailreichen Beschreibungen…meine Güte, diese Beschreibungen und Schilderungen!!…waren so gar nicht meines.
Ein Lob gebührt jedoch dieser Neuauflage aus dem dtv-Verlag, welche die Urfassung, sowie viele interessante Informationen im Anhang enthält.
Für Adalbert Stifter-Fans, Studenten der Germanistik und Literaturwissenschaft absolut zu empfehlen.

© Pink Anemone

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© Pink Anemone

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Weitere Produktinformationen:

Rezensionsexemplar mit herzlichen Dank an den dtv-Verlag!

dtv
© dtv-Verlag

 

 

  • Taschenbuch: 784 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (8. Dezember 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423146249
  • ISBN-13: 978-3423146241
  • Preis: 18,00€ (Stand vom 07.02.2018)

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2 Kommentare zu „Besprechung und Rezension zu „Der Nachsommer“ von Adalbert Stifter ★★★

  1. Huhu,
    ach ja, was ein Buch. „Der Nachsommer“ hat mich und meine Kommilitonen ein ganzes Semester begleitet. Ich habe damals viel über den Text nachgedacht (notgedrungen) und hatte doch Mühe ihn zu verstehen. In einer Zeit, die immer schneller voranschreitet, wirkt dieses Buch so unglaublich gegensätzlich, dass man kaum die Geduld findet, es tatsächlich an einem Stück zu lesen. Die Entschleunigung als Stilmittel war natürlich von Stifter grandios gewählt. Heutzutage wirkt sein Werk wie aus der Zeit gefallen.
    Ich habe es nie als wirkliches „Must read“ empfunden, auch wenn es zu den „1001 Büchern“ gehört, die man gelesen haben sollte. Aber es ist auf jeden Fall ein ganz eigenwilliges Buch mit einer Harmonie, die beim Lesen fast schon wehtut.
    Wie du merkst, fange ich schon an selbst zu rezensieren. *lach* Deshalb bin ich jetzt besser still. Eine tolle Rezension hast du geschrieben.

    Liebe Grüße
    Tamara

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