Rezensionen · Thriller/Krimis

Rezension „Wer andern eine Bombe baut“ von Christopher Brookmyre ★★★★★

Eine Mischung aus Thriller und Milieustudie in typisch schottischer Manier – schräg, mit coolen Sprüchen und bissigem Sarkasmus.

Schottische Schriftsteller sind anders – schräg, provozierend, nehmen die Dinge beim Namen – auch die häßlichen, immer mit einem Unterton des Angepisstseins, gepaart mit schwarzem Humor und bitterbösen Sarkasmus.
Wer Irvine Welsh gelesen hat, weiß was ich meine – Autor von „Drecksau“,  „Trainspotting“, etc. Hier meine ich die Bücher, nicht die Filme, denn diese sind im Gegensatz zu den Büchern Kindergarten.
Dies ist nicht nur bei Romanen der Fall, sondern in diesem Fall auch bei diesem Thriller, der mich mehr als nur begeistert zurückgelassen hat.

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Kawuuuum

War’s das für Raymond Ash? An der Uni träumten er und sein Kumpel Simon von einer Zukunft als Rockstar, stattdessen hat er jetzt, mit Mitte 30, ein schreiendes Baby und einen neuen Job als Lehrer an der Backe – und Simon ist seit drei Jahren tot. Kein Wunder, dass Ray seinen Augen nicht traut, als er ihn am Glasgower Flughafen sieht. Und dann geschehen auf einmal Dinge, die seltsamer und brutaler sind als jedes von Rays geliebten Computerspielen.
Gemeinsam mit der Polizistin Angelique de Xavia (bekannt aus Die hohe Kunst des Bankraubs) gerät er in sich immer schneller überschlagende Ereignisse, und die beiden müssen über sich hinauswachsen, um einen Terroranschlag zu verhindern, den der »neue«, sehr sehr böse Simon verüben will. Nur: was ist überhaupt das Ziel der Attacke? Die Spur führt in die schottischen Highlands …(Klappentext)

wer andern eine bombe baut 2
© Pink Anemone

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Hier muss man definitiv Geduld haben bis man weiß wohin einem der Autor führen will, sich der Unzufriedenheit der Protagonisten stellen und sich darauf einlassen.
Der Autor schafft es ein Portrait der Gesellschaft zu zeichnen in der alle unzufrieden sind und vor sich dahin leben, angepisst auf das Leben und einem selbst sind bis…ja bis ihnen alles um die Ohren fliegt (im wahrsten Sinne), das Grauen Einzug hält und man, genau wie auch die Protagonisten selbst, erkennt, dass die ganze Jammerei unnötige Kleinscheißerei ist….doch dann ist es zu spät.
In einem Moment fragt man sich, wohin einem der Autor führen will, im nächsten fliegen einem so plötzlich die Körperteile entgegen, sodass man nahezu genauso geschockt ist, wie die Protagonisten selbst.

„Zwischen sich und dem kornblumenfarbenen Sommerkleid sah er zwei Beine in den Trümmern liegen. Ein Fuß fehlte, der andere hing noch an fransigen Fleischfetzen. Der Schuh sah aus wie seiner. Genau solche hatte er auch, aber heute hatte er sie nicht angezogen. Heute nicht. Heute hatte er andere an, die alten. Bitte!“ (S. 44)

Die Thematik des Terrors, die der Autor hier aufgreift, ist aktueller denn je und Brookmyre geht hier noch um einiges weitere – Auftragsterrorismus. Für Geld Bomben legen und so viele Menschen wie möglich mitreißen.

Und in dieser Branche hat einer die Nase ganz vorne – Black Spirit.
Er hieß mal Simon, war aber schon immer ein arrogantes Arschloch und immer der Meinung er wäre zu etwas Großem bestimmt. Nun ist er freischaffender Terrorist und genießt die Macht über Menschenleben zu bestimmen. Dieser beginnt nun sogar Visitenkarten zwischen all dem Schutt und der Leichen zu hinterlassen. Besseres Marketing gibt es fast nicht und eines muss man schon sagen – die coolsten Sprüche hat er auf Lager.

Doch die Anti-Terroreinheit Englands ist nun auf seinen Fersen. Darunter die zierliche aber toughe Angelique de Xavia (kurz Angel X genannt), die vor allem damit zu kämpfen hat die einzige Frau in dieser Truppe zu sein. Aber das schert sie einen Scheißdreck und ebenso wenig hat sie Respekt vor diesem Auftragsterror-Heini. Sie will ihn einfach nur zur Strecke bringen.

Dann wäre da noch Ray. Ein Mittdreißiger der seinem alten Leben als Profi-Gamer ohne Baby mit Koliken nachheult. Er hat für die Familie all seine pubertären Träume aufgegeben und führt jetzt ein solides Leben als Lehrer und Papa eines schreienden Kindes. Hinfort sind seine Träume Rockstar zu werden, oder das Geld als Gamer zu verdienen. Nach der Arbeit flüchtet er sich manchmal auf den Flughafen. Er beobachtet die Abflüge und genießt das Gefühl die Möglichkeit zu haben aus der ganzen Alltagsscheiße auszubrechen – einfach in einen Flieger steigen, Frau und Kind hinter sich lassen und einen Neuanfang wagen. Doch dann sieht er einen alten Freund, was eigentlich nicht möglich ist, da Simon seit über 3 Jahren tot ist. Erinnerungen kommen hoch und es macht KLICK.

„Es war eine schallende psychologische Ohrfeige gewesen, die ihn aus seinem depressiven Tunnelblick gerissen hatte, sodass er wieder richtig sehen konnte, was wirklich vor ihm lag.“ (S. 101)

Doch was nützt einem diese Erkenntnis, wenn man auf einmal gejagt und versucht wird einem den Kopf wegzupusten?

Last but not least hätten wir da noch zwei 13-jährige Jungs, Murph und Lexy.
Zwei typische Jungs, die sich in ihrer Coolness übertreffen wollen, die Schule schwänzen und allzu neugierig sind. Diese Neugierde wird ihnen jedoch zum Verhängnis und sie sind dadurch in dieser terroristischen Action schnell mitten drin, statt nur dabei. Nun müssen sie über sich hinauswachsen, um aus dieser Scheiße wieder heil herauszukommen und wenn man schon dabei ist, kann man den bösen Kriminellen doch auch gleich ordentlich ans Bein pissen.

Dieser Thriller wurde bereits 2001 veröffentlicht, trotzdem ist er aktueller denn je.
Mit Ray und Simon reist man in deren Rückschau jedoch auch in die verrückten 90er und vor allem Gamer werden daran ihre Freude haben. Ray vergleicht nämlich sein Leben und was darin passiert gerne mit einem PC-Game.

„Es war Team Deathmatch, dachte Ray, Rocket-Arena-Regeln: keine Health Packs, keine neue Armour, keine Respawns; wenn man stirbt, bleibt man tot, das erste Team, das komplett ausgelöscht wird, hat verloren.“ (S. 457)

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© Pink Anemone

Zudem ist dies nicht nur ein Thriller, sondern auch eine Milieustudie vom Feinsten. Hier werden also auch ruhigere und tiefsinnige Töne angeschlagen und daher hat der Thriller zwischendurch auch den Charakter eines Romans.
Beides ist jedoch gewürzt mit herrlich schwarzem Humor und bissigem Sarkasmus. Dieser Thriller erinnert mich daher so ein wenig an den Film „Bube Dame König Gras“, falls den jemand kennt.

Fazit:
Dieser Thriller ist für all diejenigen, die ein Faible für Spannung UND intelligente Unterhaltung und nichts gegen bissigen Humor und den ein oder anderen derben Spruch haben.
Vor allem Gamer der 90er, die „Doom“ und „Half-Life“ zockten, kommen durch Ray auf ihre Kosten und können daher, wie ich, in Erinnerungen schwelgen.

Ich habe geschmunzelt, gelacht, mir vor Spannung die Nägel abgekaut und reiste mit Vergnügen in die 90er. Es war eine Freude in diesem Thriller im typischen scottish Style zu lesen und wurde bestens unterhalten. Herz, was willst du mehr?

© Pink Anemone

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© Pink Anemone

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Leseprobe!

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Blogger-Rezensionen:

© Mademoiselle Facettenreich

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Autoren-Info:

ChrisBrookmyre
© http://www.unitedagents.co.uk

Christopher Brookmyre (* 6. September 1968 in Glasgow, Schottland) ist ein schottischer Romanautor. Er ist in Großbritannien ein Bestsellerautor. Auf Deutsch erschienen von ihm Wer schlafende Hunde weckt (2012), Die hohe Kunst des Bankraubs (2013) und Angriff der unsinkbaren Gummienten (2014). Er lebt mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner St.-Mirren-FC-Dauerkarte in der Nähe von Glasgow.  (© Amazon)

Weitere Produktinformationen:

Achtung Werbung! Lesen auf eigene Gefahr!

Dieses Exemplar wurde bei einer Buchverlosung von Lovelybooks gewonnen, daher großen Dank an LB.

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www.lovelybooks.de

 

  • Broschiert: 512 Seiten
  • Verlag: Galiani-Berlin (8. März 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3869711639
  • ISBN-13: 978-3869711638
  • Originaltitel: „A Big Boy Did It And Ran Away“
  • Preis: 16,00€ (Stand vom 09.04.2018)
  • Auch erhältlich als: E-Book

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17 Kommentare zu „Rezension „Wer andern eine Bombe baut“ von Christopher Brookmyre ★★★★★

  1. Wuhuu
    wie genial ist diese Rezension denn bitte?
    Lesen will! Alle Bücher die du genannt hast – auf so was stehe ich ja. Böse, bissig, schräg-herrlich. Das Bild des Autoren ist schon so eine kleine Einstimmung. Siehst du mich gerade grinsen? 😀
    Apropos Bild, die sind auch mal wieder wunderschön und mehr als gelungen. Ich muss echt mal nach Stoffen stöbern gehen.
    Liebe Grüße und eine super Woche für dich
    Kerstin :-*

    Gefällt 1 Person

    1. Wohoooooo, ich bin jetzt schon auf Deine Meinung gespannt. Ich finde ja die Schotten haben wirklich eine ganz eigene Erzählweise und die muss man mögen. Aber wenn man weiß was einen erwartet ist es Genuß pur. Kennst Du Bücher von Irvine Welsh?

      Gefällt 1 Person

      1. Nein, von Irvine Welsh hab ich noch nichts gelesen…. aber dafür sammle ich die Bücher von Christopher Brookmyre… na ja, könnte man meinen, denn ich hab schon drei von ihm. Ich les jetzt dann bald was von ihm. Versprochen!

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        1. Ich kenn im Grunde nur noch „Die hohe Kunst des Bankraubs“, wo ja auch die Protagonistin Angel X vorkommt. Ist aber auch schon lange her und da habe ich noch keine Rezensionen geschrieben. Wird wohl Zeit für einen Re-Read *g*

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          1. Hängen die beiden Bücher denn zusammen? Denn „Die hohe Kunst des Bankraubs“ hab ich auch hier… vielleicht sollte ich dann das erste lesen, wenn Angel X in beiden vorkommt?

            Re-Reads mache ich nie… ich lese Bücher nur einmal. Aber meist lese ich eben auch Krimis – da ist dann die Luft raus, wenn ich schon weiß, wer der Täter ist. Denk ich mir jedenfalls so. 🙂

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        2. Ach, und von Irvine Welsh kann ich „Drecksau“ und „Trainspotting“ empfehlen. Ist hart an der Grenze und provozierend, mit echt derben Humor und nur was für Liebhaber solcher Erzählweise. Habe hier auch noch „Kurzer Abstecher“ von ihm liegen. Das habe ich mir für das Schottland-Special aufgehoben *g*

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          1. Ich gestehe, ich kenne noch nicht mal den Film von „Trainspotting“. Wobei ich wirklich das Buch bevorzugen würde, wenn man mir die Wahl lässt. Also ab mit Herrn Welsh auf die Wunschliste… seufz… die ist ja erst meterlang….

            Gefällt 1 Person

  2. Hey,
    bislang habe ich weder vom Buch noch vom Autor etwas gehört, aber was du schreibst klingt echt interessant. Schwarzer Humor und bissiger Sarkasmus klingt echt gut. Den Titel werde ich mir auf jeden Fall mal merken.
    LG
    Julia

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    1. Hallo Julia,
      das ist der Vorteil wenn man unterschiedliche Blogs besucht. So wird man quasi „gezwungen“ aus seiner eigenen Lese-Komfort-Zone zu linsen und Neues zu entdecken. Wie in der Rezension erwähnt muss man den schottischen Stil mögen oder zumindest bereit für etwas Schräges sein. Vielleicht trägt ja dieser Thriller dazu bei auch Dich für schottische Autoren zu begeistern *g*
      Liebe Grüße
      Conny

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