Rezensionen · Thriller/Krimis

Rezension „Der Totenmacher“ von Stuart MacBride ★★★★

Thriller, Milieustudie, Roman / spannend, schwarzhumorig, schockierend – hier bekommt man wirklich etwas geboten!

Imhotep

Es ist ein bizarrer Fund: Als man eine Mumie auf einer Mülldeponie entdeckt, vermutet die Polizei, dass sie aus einem Museum entwendet wurde. Bis eine weitere mumifizierte Leiche gefunden wird, und Röntgenaufnahmen beweisen, dass die Toten keineswegs antik sind: Die Männer wurden Opfer eines Killers, der mit höchster Grausamkeit vorging und dessen Werk noch nicht vollendet ist … DC Callum MacGregor ermittelt in der rätselhaftesten Mordserie, die das schottische Oldcastle je gesehen hat…(Klappentext)

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© Pink Anemone

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„Hoch oben über den Stangen mit den betenden Fischen, streifen acht Fingerspitzen einen einzelnen Sonnenstrahl.
Ganz leicht berühren sie seine scharfe Kante, als der Körper, zu dem sie gehören, im Halbdunkel pendelt, erfasst von dem Luftzug, der durch die offene Tür weht. Kopf nach unten – wie die Fische – mit baumelnden Armen. Die Haut dunkelbraun verfärbt wie altes Eichenholz.
>>Du wirst ein Gott sein.<<“ (S. 10)

Auf der Mülldeponie im schottischen Oldcastle ist die Hölle los. Kaum fängt man hier an zu graben, hat man auch schon sieben Leichen gefunden und die Spurensicherung weiß nicht mehr wo anfangen und wo aufhören.
Doch eine Leiche sticht hier besonders aus dieser Menge hervor und für die ist DC Collum MacGregor zuständig. Das hat auch einen guten Grund, denn man ist der Meinung, dass diese Leiche einfach nur einem Museum abhanden gekommen ist. Diese sieht nämlich aus wie ein mumifizierter Pharao ohne Bandagen. So einen „Fall“ kann man also ruhig der Gurkentruppe der Polizei zuschieben.
Dieses Team ist der Schuttabladeplatz für die Unerwünschten und Inkompitenten. In dieses Team wird man nur aufgenommen, wenn man nicht gekündigt werden kann, sich nicht kündigen lässt oder man auf der Abschussliste steht. Dementsprechend tummeln sich hier auch durchaus skurrile Figuren, die da wären:

„Mutter“ – die Chefin, der Oberboss, der Guru dieser Truppe. Eine tätowierte Amazone die sich hier von einem Herzinfarkt erholt und alle Mitglieder im Team wie Kinder behandelt. Daher auch immer die Tüte Gummibären die sie immer mit sich führt. Meistens gibt es jedoch Schelte.
DS Adams – der unmittelbare Vorgesetzte nach „Mutter“, der unheilbar an Magenkrebs erkrankte, vor dem Tod jedoch noch etwas Action erleben möchte. Er ist der Meinung er wäre der geborene Schriftsteller und Poet. Wenn er nicht gerade Haikus zum besten gibt, dichtet er und vergleicht die Ermittlungsarbeiten mit dem Aufbau eines Romans. Einer der sarkastischsten und spitzzüngigsten Charaktere, der mich nicht nur einmal laut lachen ließ.

„>>Ist mir egal – und wenn Sie König Schaffeschaff der Vielbeschäftigten sind, Herrscher er fleißigen Bienchen im Summsummland – Sie tragen sich gefälligst aus! Ich genehmige keine Überstunden, solange Sie das nicht in Ihren Eierkopf kriegen!<<“ (S. 108)

DC Watt die Spaßbremse dieser Truppe. Er wurde aussortiert weil er sein letztes Team wegen Korruption an die Obrigkeit verpetzte. Ratet mal wer noch dabei die Finger im Spiel hatte.
DS Dorothy Hodgkin – von allen „Dotty“ genannt. Sie sitzt nach einem Arbeitsunfall, bei dem ihr ein Bein abgetrennt wurde, im Rollstuhl und fährt mit diesem gern durch dreckige Pfützen, um Watt einzusauen. Sie und Watt verbindet eine ganz besonders tiefe Abneigung gegeneinander. Auch sie ist alles andere als auf den Mund gefallen.
DS Rosalind Franklin – der neueste Zugang und auch noch die Motivierteste. Sie darf hier mitmischen, weil sie einem Superintendenten eine gescheuert hat. Mit ihr ist wirklich nicht gut Kirschen essen. Absolut alles wird bei ihr als Beleidigung ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit und Professionalität angesehen. Man bewegt sich also permanent auf dünnem Eis und es wird einem schlichtweg immerzu das Wort im Mund umgedreht. Dementsprechend schwierig ist es mit ihr zusammenzuarbeiten. Sie ist die Ermittlungspartnerin von Collum – der arme Hund.
DC Collum MacGregor – auch gerade erst drei Wochen in der Gurkentruppe, da er beschuldigt wird gegen Bestechung einen Tatort kontaminiert zu haben. In Wahrheit hat er die Schuld auf sich genommen, um seine schwangere Freundin, welche bei der Spurensicherung arbeitet, vor der Kündigung zu bewahren, um in bezahlten Mutterschutz gehen zu können. Meist wird aus seiner Perspektive erzählt.

Als jedoch eine zweite Mumie auftaucht werden alle skeptisch und bald wird ihnen klar, dass sie es hier mit einem ganz besonders brutalen Serienkiller zu tun hat, der in Oldcastle wütet und scheinbar eine Mission zu erfüllen hat.

Dieser Thriller braucht etwas bis er in die Gänge kommt und verläuft allgemein eher ruhig. Er beinhaltet, wie so häufig bei schottischen Autoren, nicht nur einen Thriller, sondern gleichzeitig eine Milieustudie vom Feinsten aus dem tiefsten Schottland.
Was ist für schottische Autoren noch typisch? Genau – der bissige und äußerst schwarzhumorige Sarkasmus bei dem auch zeitweise der raue Umgangston zwischen den Protagonisten nicht fehlen darf. Davon gibt es hier nicht zu knapp und treibt einem des Öfteren ein Schmunzeln ins Gesicht.

Dieses Buch lebt auch mehr von seinen Charakteren und deren Dialogen. Der Autor schafft es selbst bei diesen Dialogen Bilder im Kopf entstehen zu lassen, was daran liegt, dass er Umgebungsgeräusche wie z.B. Radio- oder Fernsehmoderationen mit einfließen lässt. Dies war für mich eine völlig neue Erfahrung den Gesprächen von Protagonisten beizuwohnen. Man hat dadurch das Gefühl als würde man neben den Charakteren stehen.
Zugegeben, manchmal hätte ich mir gewünscht, dass MacBride es mit diesen „Hintergrundgeräuschen“ nicht gar so übertrieben hätte, da sie manchmal doch den Lesefluss störten. Im Großen und Ganzen konnte ich dieser Art von Dialogführung jedoch durchaus etwas abgewinnen.
Und Leute, was habe ich bei so manchem Dialog und Schlagabtausch gelacht und geschmunzelt.

Man erhält auch Einblick in die Sicht der Opfer, also in die derjenigen die vom Killer „vorbereitet werden“, aber auch in die des Täters und in seine Vergangenheit. Somit erhält der Leser Einblick wieso er zu dem wurde was er ist und wieso er das macht.
Das  macht die Taten zwar nicht besser, aber auf jeden Fall interessanter…für den Leser natürlich.
Hier ändert sich der Ton drastisch. Keine Spur mehr von Sarkasmus und Humor, sondern nur noch blankes Entsetzen und Hoffnungslosigkeit. Diese Einblicke sind also durchaus beängstigend und schockierend und genau das fand ich ebenso genial wie die Dialoge. Das switchen zwischen bissigem Humor und Sarkasmus zu bitterem Ernst, der eine Gänsehaut beschert.

„Er würde gerne die Arme heben und den Löffel wegschlagen, aber seine Arme funktionierten nicht mehr. Sie treiben nicht einmal auf dem Wasser, sondern sinken schlaff in die schwarzbraune Tiefe und bleiben am Boden der Stahlwanne liegen.
Nichts funktionierte mehr.“ (S. 140)

Einige Kapitel werden mit einem Auszug aus einem Kinderbuch eines fiktiven Autors und eines Songtextes eines ebenso fiktiven Rappers eingeleitet.
Was es damit auf sich hat erfährt der Leser im Verlauf der Story. Anfangs dachte ich mir noch, was das denn soll, aber als ich wusste wieso, weshalb, fand ich es witzig und äußerst gelungen. Mehr will ich nicht verraten.

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© Pink Anemone

Der Schreibstil ist flüssig und klar, die Charaktere mehr als nur gut gezeichnet und obwohl dies ein Wälzer von knapp 830 Seiten ist, fliegt man nur so durch diesen Thriller. Dies liegt vor allem an der leisen, jedoch immer vorhandenen Grundspannung, die zwischendurch von Spannungs- und Tempospitzen durchbrochen wird. Zudem schafft es der Autor den Leser auf diverse falsche Fährten zu locken und somit ist die Auflösung eine wirklich große und vor allem eine gelungene Überraschung – selbst für mich.

Fazit:
Dies war mein erster MacBride und wird definitiv nicht mein letzter sein. Ich habe geschmunzelt und gelacht, um paar Seiten weiter entsetzt den Ausführungen des Täters oder die Lage des Opfers mitzuverfolgen, um am Ende vom Autor völlig überrascht zu werden.
Zugegeben, und das muss wirklich dazugesagt werden, man muss den typisch schottischen Stil mögen, um diesen Thriller genießen zu können. Ich für meinen Teil liebe diese Art von Thrillern, die eben nicht bloß Thriller sind, sondern gleichzeitig auch Romane mit Milieustudie. Der unverwechselbare schottische Humor der vor Sarkasmus nur so trieft und die authentische und (für mich) neue Art der Dialogführung, konnten mich schlichtweg vom Hocker reißen.

© Pink Anemone

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© Pink Anemone

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Leseprobe: (von Bloggerportal zur Verfügung gestellt) Der Totenmacher

Autoren-Info:

stuart macbride
© Stuart MacBride

Stuart MacBride hatte bereits in einigen Berufen gearbeitet, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. »Die dunklen Wasser von Aberdeen«, sein erster Roman mit dem Ermittler Logan McRae, sorgte in Großbritannien sofort für Furore und wurde als bestes Krimidebüt des Jahres mit dem Barry Award ausgezeichnet. Seither ist die Serie mit Schauplatz Aberdeen aus den internationalen Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken und erhielt als beliebteste Spannungsreihe den renommierten Leserpreis Dagger in the Library.
Mit dem Roman »Das dreizehnte Opfer« begann Stuart MacBride eine zweite Thrillerserie, in deren Mittelpunkt der Ermittler DC Ash Henderson steht. Stuart MacBride lebt mit seiner Frau im Nordosten Schottlands (Klappentext).
Nicht zu verachten ist auch seine Seite, wobei er auch hier seinen Humor hervorblitzen lässt. Hier kommt Ihr auf seinen Blog (Werbung für Autor? Schwachsinn – es ist Information für Leser).

Weitere Buch-Informationen:

Achtung Werbung! Lesen auf eigene Gefahr!

Rezensionsexemplar mit herzlichem Dank an das Bloggerportal und den Goldmann-Verlag.

Taschenbuch: 832 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (19. Februar 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442485673
ISBN-13: 978-3442485673
Originaltitel: „A Dark So Deadly“
Preis: 12,00€ (Stand vom 12.05.2018)
Auch erhältlich als E-Book

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6 Kommentare zu „Rezension „Der Totenmacher“ von Stuart MacBride ★★★★

  1. Ich durfte ja schon ersten Kontakt mit Stuart MacBrides Büchern schließen. Zuerst war ich wie Du auch von diesem Einbeziehen der Umgebungsgeräusche ein bisschen irritiert, weil ich das so nicht kannte. Diese Schnipsel von Eindrücken, die man selbst zu einem Bild zusammenfügen muss. Mit der Zeit fand ich das aber sehr genial. Außerdem finde ich, dass er ziemlich satt und saftig schreibt, und der bösartige Humor ist auch klasse. Ich habe hier schon einige MacBrides auf dem SUB liegen, weil mir die Art des Autors zu erzählen total gefällt. Freut mich, dass er Dich auch gepackt hat!
    LG Gabi

    Gefällt 1 Person

    1. Ja und wie! Und es bleibt einem in Erinnerung. Ich habe jetzt schon paar Bücher dazwischen gelesen, aber ich ertappe mich immer wieder dabei wie ich an das Buch denke.
      Tja, und nun weiß ich auch wen ich bei meinem Schottland-Special fleißig verlinken werde 😆

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Conny,
    Das klingt ja guuut. Ich liebe bei Krimis ja die Kombination aus Spannung und Humor. Und als Handlungsort Großbritannien ist auch super. Ich liebe die Insel. Und oh, gleich sieben Leichen –das ist ja schon ein ordentlicher Fund. Aber mit 830 Seiten ist das natürlich schon ein Wälzer. Mal sehen, ob ich mir den mal vornehme. Neugierig bin ich ja eigentlich schon… 🙂
    Liebe Grüße, Julia

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Julia,
      mich hat die Seitenanzahl anfangs auch abgeschreckt. Solche Wälzer kenne ich ja eigentlich nur aus dem Fantasy-Genre oder von Stephen King. Ich dachte ich werde sicherlich einen ganzen Monat daran lesen, aber im Endeffekt hatte ich es in einer Woche durch *g*. Wenn man den schottischen Stil mag, der immer eine Mischung aus Thriller und Roman ist, dann ist das genau das Richtige 😉
      Liebe Grüße
      Conny

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