Rezensionen · Sachbücher/Biographien

Rezension „Henry James – Biografie“ von Hazel Hutchison ★★★★★

Eine umfassende und interessante Biographie, die sich liest wie ein Roman.

Da ich diesen Monat, im Zuge meines Monats-Specials „Historische Romane & Sachbücher“, auch ein Porträt des Schriftstellers Henry James schreiben möchte, habe ich mich spontan dazu entschlossen auch gleich seine Biografie vorzustellen. Wenn schon, denn schon.

Obwohl ich mich immer wieder aufs Neue durch die Bücher von Henry James kämpfe, finde ich diesen Schriftsteller äußerst faszinierend und seine Werke mehr als nur interessant. Vor allem vom psychologischen Standpunkt her. Hier stehen die Figuren und deren Charakter im Vordergrund und somit ist jedes Werk in gewisse Weise eine Charakterstudie vom Feinsten.

Nun möchte ich Euch aber nicht mehr länger auf die Folter spannend.

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Von einem aus der neuen Welt, der die alte Welt liebt und schätzt

Henry James wurde 1843 in New York geboren. Er schrieb Reiseberichte, Kurzgeschichten, Romane und Theaterstücke und nahm rege am gesellschaftlichen Leben teil. Zu seinen berühmtesten Romanen zählen u.a. das „Bildnis einer Dame“, „Die Drehung der Schraube“ und „Washington Square“. Zu seinen Bekannten gehörten Alfred Tennyson, Iwan Turgenjew, Gustave Flaubert, Robert Louis Stevenson, Oscar Wilde, George Bernard Shaw, Constance Fenimore Woolson, Stephen Crane, Joseph Conrad, John Singer Sargent und Edith Wharton, um nur einige zu nennen. Diskret und zurückhaltend im Zwischenmenschlichen, offenbart sich Henry James‘ intime Kenntnis der menschlichen Psyche in seinen Werken umso mehr. Das Innenleben seiner Figuren beschreibt er so detailreich, das seine Romane bis heute modern erscheinen und immer wieder für die Bühne inszeniert und verfilmt werden. Diese Biografie zeichnet ein facettenreiches Bild des bedeutenden Schriftstellers und seiner Werke und besticht durch zahlreiche Abbildungen…. (Klappentext)

© Pink Anemone

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„Henry James‘ früheste Erinnerung beruht auf einer Kutschfahrt mit seinen Eltern:
in einem langen Kinderkleidchen saß er da, mit den Beinen baumelnd,
als sein Blick aus dem Fenster auf einen großen Platz fiel,
auf dem sich eine steinerne Säule in den Himmel reckte.“
(S. 7)

Henry James
– geboren 1843 in New York,
gestorben 1916 in London als englischer Staatsbürger.

Er war einer der bedeutendsten und einflussreichsten Schriftsteller im englisch-sprachigen Raum, war eine beeindruckende Persönlichkeit voller Widersprüche. In New York als Spross einer wohlhabenden Familie geboren, unternahm er bereits als Kind zahlreiche Reisen nach Europa. Als er im Erwachsenenalter beschloss dorthin auszuwandern, zog es ihn zunächst nach Paris und dann nach London, wo er sich 1875 ganz niederließ. Er schrieb zunächst vor allem europäische Reise- und Gesellschaftsskizzen, die u.a. im Atlantic Monthly und in der New York Tribune veröffentlicht wurden, Zeitschriften, in denen später auch seine Romane in Fortsetzungen erschienen.

© Pink Anemone

Henry James hatte seine ganz eigene Art zu schreiben und seine Figuren entstehen zu lassen.
Er benutzte Freunde und Bekannte als Material für seine Arbeit. Er hatte wenig Skrupel, seine gesellschaftlichen Verbindungen für berufliche Zwecke einzuspannen. Nichtsdestotrotz soll er ein gutmütiger, schlagfertiger und loyaler Mensch gewesen sein, mit spitzem Humor und daher allseits beliebt und immer von Freunden umgeben.
Diese Beobachtungen zwischenmenschlicher Beziehungen, sowie mancher spezieller Charakterzüge, fanden in seine Werke. Das Innenleben seiner Figuren beschreibt er so detailreich, dass seine Romane bis heute modern erscheinen.
Des Weiteren beinhaltet so manches Werk die Grenzen verbotener Beziehungen und die Konsequenzen ihrer Überschreitung (z.B. Pädophilie in seiner Novelle „Watch and Ward“).
In seinen späteren und letzten Werken befreite er sich vom Druck, dem Lesepuplikum zu gefallen und experimentierte mit erzählerischen Techniken und wagte sich an unkonventionelle Themen – unkonventioneller als seine vorherigen Werke schon waren.
Obwohl seine Kurzgeschichten und Romane fern des damaligen Massengeschmacks waren, wurde Henry James einer der führenden Schriftsteller seiner Generation. Er hatte jedoch nie den Dreh raus, mit seinen Werken anständiges Geld zu verdienen. James war aber auch nie jemand der aufgrund des materiellen Reichtums schrieb, sondern aus Überzeugung und Liebe zur Literatur. Das alleine hebt ihn von der breiten Schriftsteller-Masse ab und macht ihn sympathisch.

© Pink Anemone

Henry James, ewiger Junggeselle, war für seine Zeit ein modern denkender Mann und war überzeugt, dass es nicht abwegig ist, dass Frauen und Männer emotional wie intellektuell ebenbürtig sein können und empfand die typische weibliche Rolle in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts als Absurdität. Noch ein Grund diesen Mann zu huldigen.

„Er begann die Vorstellung von einer neuen Art literarischer Heldin zu entwickeln,
eines idealistischen, intelligenten, lebhaften amerikanischen Mädchens,
mit einem heftigen Widerwillen gegen Konventionen [….],
ein Mädchen mit größeren Ambitionen als Heiraten.
Aber sobald er begann, ein solches Mädchen zu konzipieren, erkannte er,
dass die amerikanische Mittelklasse keine Verwendung für eine solche Figur hatte…“

Henry James war Europa (vor allem Paris und London) immer mehr zugetan als Amerika, da er dessen moralischen Maßstäbe als zu engstirnig befand, im Gegensatz zu den Europäischen.

© Pink Anemone

Dies und noch viel mehr erfährt man in der vorliegenden Biografie. Wenn auch mit mehreren Rechtschreibfehlern gespickt, liest sich diese wie ein Roman. Flüssig und spannend. Sie zeichnet ein facettenreiches Bild des bedeutenden Schriftstellers und seiner Werke. Man merkt, dass sich die Autorin dieser Biografie schon sehr lange mit diesem außergewöhnlichen Schriftsteller beschäftigt, denn hier werden nicht nur bekannte Daten runtergeleiert, sondern es geht hier durchaus in die Tiefe.

„Im Februar 1877 schrieb er aus seinen neuen Räumen in der Bolton Street an Howells,
er habe ein Thema im Kopf, das zu umfangreich sei, um in sechs Folgen komprimiert im ATLANTIC zu erscheinen:
>>Es ist das Porträt des Charakters und ein Bericht der Erlebnisse einer Frau
– ein großer psychologischer Wurf; eine GRAND NATURE –
begleitet von vielen ‚Entwicklungen‘.
Aber ich möchte lieber warten und erst damit beginnen, wenn ich genügend Ellbogenfreiheit habe.<<“
(S. 79)

Kapiteleinteilung:

  • Kindheit
  • Jugend und Krieg
  • Der junge Schriftsteller
  • Exil
  • Fiktion und Realität
  • Ein Leben als Junggeselle
  • Auf der Höhe seines Schaffens
  • Überarbeitungen
  • Nachleben

Des Weiteren besticht diese Biographie durch zahlreiche Abbildungen, sowie durch eine ausführliche Bibliografie, Erläuterungen zu Personen (die mehr als nur interessant sind), einer Kurzbiographie mit den wichtigsten Daten und auch noch einem Personenregister.

© Pink Anemone

Fazit:
Eine absolut interessante und toll geschriebene Biographie, die mich begeistert zurück lässt.
Für alle die sich für Biographien literarischer Größen interessieren, kann ich diese Biographie wärmstens empfehlen!

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Weitere Buchinformationen:

 

  • Gebundene Ausgabe: 300 Seiten
  • Verlag: Parthas Verlag Berlin; Auflage: 1 (25. Mai 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3869640979
  • ISBN-13: 978-3869640976
  • Preis: 24,80€ (Stand vom 08.08.2018)

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Autoren-Info:

© University of Aberdeen / UK

Prof. Hazel Hutchinson ist spezialisiert auf die Literatur des späten 19. Jahrhunderts und eine ausgewiesene Kennerin der Werke von Henry James. Sie hält Vorlesungen zur englischen und amerikanischen Literatur an der Universität von Aberdeen. Sie ist Verfasserin von „Seeing and Believing: Henry James and the Spiritual World“ (2006) und einer Reihe von Artikeln über Henry James und seine Zeitgenossen, darunter Dante Gabriel Rossetti, Gerard Manly Hopkins, Rupert Brooke und Mary Borden. Sie hat Bücher verfasst über die Kunst des Essays und war Mitherausgeberin der Gedichtsammlung „Silver, An Aberdeen Anthologiy“ (2009). Zur Zeit forscht sie über amerikanische Literatur zum Ersten Weltkrieg. Leider wurde bisher nur die vorliegende Biografie von Henry James ins Deutsche übersetzt.

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Meine Beiträge und Rezensionen zu Henry James:

  • Autoren-Porträt „Henry James“ (folgt)
  • Rezension „Die Drehung der Schraube“ (folgt)
  • Rezension „Was Masie wusste“ (folgt)

 

 

 

 

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