Klassiker · Rezensionen

Rezension „Die Drehung der Schraube“ von Henry James ★★★

Düstere Atmosphäre,Spannung u. subtile Gruselmomente,jedoch mit nerviger Protagonistin und einem abrupten Ende mit vielen Fragen.

Gothic Novel mit wenig Grusel

Zwei engelsgleiche Zöglinge, ein märchenhaft schönes Landhaus – für eine junge Erzieherin scheint sich gleich die erste Anstellung als glückliche Wahl zu erweisen. Einzig ein Mann und eine Frau, die sich ihr mehrfach auf höchst mysteriöse Weise zeigen, um kurz darauf wieder zu verschwinden, trüben die Unbeschwertheit und nähren ihre Zweifel: Warum wurde Miles – ein doch offenbar braver Junge – der Schule verwiesen? Weiß die kleine Flora mehr, als sie zugibt? Sind Liebreiz und Unschuld der beiden Kinder nur Fassade? Und warum verweigert der Dienstherr, der charmante Onkel der Zöglinge, jede Hilfe? Dem Leser als staunendem Zeugen des Geschehens stellt sich schon bald eine ganz andere Frage: die nach der Verlässlichkeit der Erzieherin und Erzählerin der vorliegenden Geschichte….(Klappentext)

© Pink Anemone

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„Die Geschichte hatte uns, die wir um das Kaminfeuer versammelt waren, in einigermaßen atemloser Spannung gehalten,
doch abgesehen von der naheliegenden Feststellung, sie sei gruselig gewesen,
ganz so, wie sie es sich für eine am Weihnachtsabend in einem alten Haus erzählte merkwürdige Geschichte geziemt,
kann ich mich an keinen Kommentar erinnern, der geäußert worden wäre, bis jemand bemerkte, dies sei der einzig ihm bekannte Fall,
in dem ein Kind Opfer einer solchen Heimsuchung geworden sei.“
(S. 5 – Anfang)

Und damit beginnt diese Geschichte. Ein paar Herrschaften sitzen im Salon und erzählen sich bei Whiskey, Zigarren und knackendem Kaminfeuer Gruselgeschichten.
Diese Art der Erzählung ist typisch für eine Gothic Novel, in der Geschichten von jemandem erzählt werden, der diese von der betroffenen Person selbst erzählt bekommen hat. Dies soll den Effekt der Authentizität erzeugen und die Geschichte somit gruseliger erscheinen lassen. Dies funktionierte in „Die Drehung der Schraube“ nur bedingt, bis gar nicht.

Die Handlung dieses Werkes (1898 erstmals erschienen) basierte auf einer Anekdote, die Erzbischof Benson Henry James im Jahre 1895, auf dem Höhepunkt der Guy-Domville-Affäre, erzählt hatte. Bensons Geschichte, am Folgetag in James‘ Tagebuch sorgsam festgehalten, drehte sich um zwei verwaiste Kinder, die in einem alten Landhaus der Obhut unredlicher Dienstboten überlassen worden waren.
James‘ Geschichte wird aus der Sicht der Gouvernante der Kinder erzählt, deren sehnlichster Wunsch, Miles und Flora, ihre beiden Zöglinge, vor dem Einfluss der Toten, Peter Quint und Miss Jessel, zu beschützen, ebenso bedrohliche Ausmaße annimmt wie die Vorstellung von den Geistern selbst.
Mit dem Einsatz eines Ich-Erzählers schafft James eine instabile fiktive Welt, bei der sich der Leser nie sicher sein kann, ob die Geister Wirklichkeit oder nur halluzinatorische Projektionen der Ängste und Sehnsüchte der Gouvernante selbst sind. Dem Leser wird niemals mitgeteilt was Quint und Jessel denn so furchtbares getan haben, oder was Miles in der Schule zu den anderen Jungs gesagt hat, das so schockierend war, dass er hinausgeworfen wurde, oder was hier gesehen wird, wenn es denn überhaupt etwas zu sehen gab.
Henry James wollte auf diese Art dem Leser die Hauptarbeit überlassen, dessen Fantasie anregen, nach dem Motto: „Das, was nicht gesagt wird, kann unendlich effektvoller sein als das Gesagte.“Leider liegt genau hier der Hund begraben.

© Pink Anemone

Nachdem man sich an diese elendig langen und verschachtelten Sätze erstmal gewöhnt hat, eröffnet sich einem eine Geschichte die ohne Blut und Gewalt auskommt. Sie lebt von der düsteren Atmosphäre und der Spannung mit subtilen Gruselmomenten.

„>>Flora ganz allein? Dieses Kind?<<
>>Sie ist nicht allein, und in solchen Momenten ist sie auch kein Kind, sondern vielmehr eine uralte Frau.<<“
(S. 212)

Das war es aber leider auch schon mit den positiven Aspekten, denn im Grunde kommt dabei so gar nichts raus. Keine, absolut keine der vielen Fragen wird beantwortet und das Ende ist so abrupt und lässt den Leser ratlos, unbefriedigt und mit noch mehr Fragezeichen zurück. Fantasie wurde bei mir also so gar keine angeregt. Dabei wage ich zu behaupten, dass ich doch eine sehr ausgeprägte Fantasie habe, doch hier regte sich bei mir irgendwie so gar nichts. Um Fantasie anzuregen braucht es eben doch ein paar wenige Inputs, die hier jedoch leider nicht vorhanden sind. Dies könnte jedoch auch daran liegen, dass mir die Protagonistin alles andere als sympathisch war und mich so gar nicht von sich überzeugen konnte.

Die ständige Lobhudelei an sich selber nervt, ihre Vermutungen, die sie als Tatsachen verpackt und auch noch irgendwelche Dinge hinzu dichtet, um gegenüber der Haushälterin glaubwürdig zu erscheinen und diese somit gleichzeitig manipuliert, machen sie für mich unglaubwürdig und zu einem hysterischen Trutscherl, welches anscheinend dem Wahnsinn verfallen ist.

„Die Kinder hatten nichts und niemanden außer mir, und ich – nun, ich hatte sie.
Es war, kurz gesagt, eine wunderbare Aufgabe, für die sich mir ein höchst anschauliches Sinnbild aufdrängte:
Ich war ein Wandschirm – ich musste mich vor die Kinder stellen. Je mehr ICH sah, desto weniger würden sie sehen.“
(S 86)

Dies ist bei Figuren von Henry James nichts ungewöhnliches, sind die doch oftmals keine Sympathieträger und auch die Charaktereigenschaften sind meist Egoismus, Eitelkeit und Manipulation. Hier sind in einer Person all diese schlechten Attribute vorhanden. Möglich, dass das für mich etwas zu viel war.

In der Ausgabe des Manesse-Verlags sind interessante Fußnoten und Anmerkungen, sowie ein Nachwort von Paul Ingendaay vorhanden. Beides trägt zum besseren Verständnis bei und dadurch ist es möglich das Werk mit ganz anderen Augen zu betrachten. Die Ausgabe ist allgemein eine kleine Augenweide und qualitativ hochwertig – ein kleines aber feines Hardcover mit Lesebändchen und Schutzumschlag, wobei das Büchlein auch ohne Schutzumschlag eine Augenweide ist.

Fazit:
Als Gothic-Novel-Liebhaber kann man diesen Klassiker lesen, muss man aber nicht.
Da ich diesen Schriftsteller Henry James jedoch faszinierend finde und auch dieses Werk durchaus gute Ansätze hat, musste ich natürlich auch diesen Roman von ihm lesen. Es gibt aber definitiv bessere.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Weitere Buchinformationen:

 

  • Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
  • Verlag: Manesse Verlag (27. September 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3717523309
  • ISBN-13: 978-3717523307
  • Originaltitel: „The Turn of the Screw“
  • Preis: 19,95€ (Stand vom 19.08.2018)

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Autoren-Info:

Bildquelle: Wikipedia

Henry James (1843-1916) wurde in New York geboren und wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Er ließ sich später in London nieder und wurde 1915 britischer Staatsbürger.
Er war mehrfach Kandidat für den Literaturnobelpreis, zuletzt im Jahr seines Todes.
Falls Euch weitere Informationen zu Henry James interessieren, besucht doch mein Autoren-Porträt „Henry James“.

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