Rezensionen · Sachbücher/Biographien

Rezension „Der Horror der frühen Medizin“ von Lindsey Fitzharris ★★★★★

Dieses Buch über die Geschichte der Medizin ist informativ wie ein Sachbuch, spannend wie ein Thriller und schaurig wie ein Horror…und gerade deshalb eines meiner absoluten Lesehighlights.

Dieses Buch habe ich mir bereits im Dezember 2017 vorbestellt. Wenn so ein Buch auf dem Markt erscheint bin ich nämlich nicht mehr zu halten. Als es dann ENDLICH den Weg zu mir gefunden hat, konnte ich mich kaum halten vor Freude und es wurde sogleich in den Urlaub mitgenommen und es wurde meine allerliebste Strandlektüre. Klingt komisch, ist aber so.

Bevor ich Euch meine Rezension zu diesem Buch unterbreite, möchte ich Euch etwas über den „Protagonisten“ Joseph Lister erzählen. Falls Euch das nicht interessieren sollte – einfach nach unten scrollen ;-).

Joseph Lister

Joseph Lister / Bildquelle: Wikipedia

Joseph Lister, geboren April 1827 in Essex / gestorben Februar 1912 in Kent, war ein Pionier im Bereich er antiseptischen Chirurgie und Wundversorgung.

Der Brite stammte aus einer wohlhabenden Familie – sein Vater war Weinhändler und ein Wegbereiter der optischen Mikroskopie. Der hang zum Forschen wurde Lister also quasi schon in die Wiege gelegt. Bevor er sich jedoch der Medizin zuwandte, studierte er 1844 Kunst. Das Interesse an Medizin schlummerte jedoch schon in ihm.

Im viktorianischen Zeitalter war es durchaus üblich auch als Privatperson bei Autopsien und chirurgischen Eingriffen beizuwohnen. Damals sah man diese „Veranstaltungen“ in gewisser Weise nicht nur als Wissensbildung an, sondern vor allem auch als Unterhaltung, ähnlich eines Theaters. In gewisser Weise finde ich es schade, dass dem nicht mehr so ist.

Operations-Theater im 19. Jahrhundert / Bildquelle: RCSEd Archive auf Twitter

Als Lister bei der öffentlichen Vorführung von Narkose durch Robert Liston (Britischer Chirurg, der starken Einfluß zur Verbesserungen von Amputationen und Wunderverbänden hatte) teilnahm, steigerte sich sein Interesse und er begann ab 1846 Medizin zu studieren.

Und damit begann die Medizingeschichte bezüglich des Kampfes gegen Sepsis und Wundheilungsstörungen und die Wundhygiene wurde geboren. Wie genau das vonstatten ging, könnt Ihr in diesem Buch lesen. (Informationesquelle: Wikipedia)

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Im Krankenhaus war einem der Tod sicher

Grausig sind die Anfänge der Medizin: Leichenraub, blutige Operationen wie Kirmesspektakel, Arsen, Quecksilber, Heroin als verschriebene Heilmittel. Mitte des 19. Jahrhunderts ist das Unwissen der Ärzte sagenhaft, wie sie praktizieren, ein einziger Albtraum. Bis ein junger Student aus London mit seinen Entdeckungen alles verändert … Lindsey Fitzharris erzählt vom Leben dieses Mannes und vom Horror, den ein einfacher Arztbesuch damals bedeutete – schaurig, unterhaltsam, erhellend.(Klappentext)

© Pink Anemone

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„Alles war infrage gestellt, alles war unerklärt,
alles war zweifelhaft, nur die große Anzahl der toten war eine unzweifelhafte Wirklichkeit.“
(Ignaz Semmelweis / S. 119)

Der Titel des Buches könnte treffender nicht sein, denn es liest sich wie ein Roman im Sub-Genre Medizin-Horror.
Leider war dies damals traurige Wirklichkeit – traurig vor allem für den Patienten, denn der Tod war ihm im Krankenhaus so gut wie sicher. Und doch wurde die Medizin durch ein paar Ärzte voran getrieben.
Durch Ärzte die sich über Konventionen und andere Ärzte hinwegsetzten, Ärzte die nicht nur abhackten und rumschnippelten, sondern sich wirklich dafür interessierten ihren Patienten zu helfen, Ärzte wie Ignaz Semmelweis, Alexander Flemming, Robert Koch und eben auch Joseph Lister, den wir hier begleiten werden.

© Pink Anemone

Lister war nicht nur Arzt, sondern auch durch und durch Forscher und Wissenschaftler. Ihn begleitet man durch das kranke und tödliche viktorianische London.
Doch auch andere Ärzte begegnen uns und auch an deren Leben und Geschichten darf man teilnehmen.
Wie z. B. Robert Liston, dessen rohe Gewalt und Schnelligkeit schon vor der Erfindung der Äther-Anästhesie, sein Markenzeichen war. Diese Schnelligkeit war zwar vor allem bei Amputationen ein Segen, jedoch war er hierbei hin und wieder zu enthusiastisch. Zum Beispiel schnitt er dabei einem Patienten auch gleich noch den Hoden mit ab oder er hatte mit dem Messer so einen Zahn drauf, sodass er seinem Assistenten auch gleich drei Finger abtrennte.
Oder Berkley Moynihan, der sich erinnerte, dass er und seine Kollegen in einem Kittel operierten, der vor lauter Blut und Dreck schon von alleine in der Ecke gestanden hätte. Dieser war übrigens auch der erste Chirurg der Gummihandschuhe verwendete.

Man wohnt Amputationen, Ausschabungen und diversen äußerst ungewöhnlichen Behandlungsmethoden bei, die einem den Ekel ins Gesicht treiben. Und natürlich behandelt man auch Gangrän, Erysipel und Sepsis, welche Lister besonders interessierten.

„Die Frau drohte an der Flüssigkeit in ihrer Lunge zu ersticken.
Erichsen griff zu einer ungewöhnlichen Maßnahme:
Er drückte den Mund auf die offene Wunde und saugte Blut und Schleim aus den Atemwegen.
Dreimal musste er ausspucken, dann beschleunigte sich der Puls der Patientin wieder,….“
(S. 81)

Dies war der Ausgangspunkt seiner Forschungen über die Wundheilung und die Auswirkungen von Infektionen auf Körpergewebe und somit der erste Schritt in die Richtung der Wundhygiene. Hierbei kreuzen natürlich auch Ärzte wie Ignaz Semmelweis und Louis Pasteur unseren Weg.

© Pink Anemone

Dies alles erfolgt in einem flüssigen und klaren Schreibstil und der Erzählstil ist äußerst plastisch. Für schwache Nerven und sensible Mägen ist dieses geschichtliche Sachbuch der Medizin also definitiv nichts. Ich bin mir jedoch sicher, dass hauptsächlich Personen, welche im medizinischen Bereich tätig sind und Personen, welche ein allgemeines Interesse an Medizin und Geschichte haben, zu diesem Buch greifen. Und ich gehe davon aus, dass diese Personen keineswegs zimperlich sind.

Jedes Kapitel wird mit einem Zitat eines Forschers, Wissenschaftlers oder Arztes eingeleitet und schon befindet man sich mitten in der Geschichte.

© Pink Anemone

So sehr ich das viktorianische Zeitalter bewundere, bin ich doch froh in der heutigen Zeit zu leben. Doch so schockierend es sich auch liest, so faszinierend und interessant ist es, in die damalige Zeit einzutauchen und damit die ersten Schritte in die Richtung der heutigen Medizin zu verfolgen.

„Das begeisterte Publikum sah gebannt zu, wie der Anatom die aufgeblähten Bäuche verwesender Leichname aufschnitt,
aus denen Blut und stinkender Eiter quoll.
Manchmal wurde das makabre Schauspiel von lieblicher Flötenmusik begleitet.“
(S. 10)

Dieses Buch besticht jedoch nicht nur durch interessante Fakten zur Geschichte der Medizin, sondern vor allem auch durch das Cover, wobei auch die Rückseite des Covers nicht zu verachten ist.
Die Verarbeitung zeugt zusätzlich von guter Qualität…sonst hätte das Buch den Urlaub mit Strand, Meerwasser und Wind sicher nicht so gut überstehen können.

© Pink Anemone

Fazit:
Ich bin von diesem Sachbuch über die Medizin und dessen Geschichte absolut begeistert und könnte es immer und immer wieder lesen. Es ist informativ wie ein Sachbuch, spannend wie ein Thriller und schaurig wie ein Horror.
All diese Hürden, Fehler und auch Grausamkeiten, führten dazu, dass sich die Medizin weiterentwickelte.
Mein Respekt und auch Dank gehört all den Ärzten von damals, die den Mut hatten sich gegen Kollegen, Konventionen und Aberglauben zu stellen, um ihr eigenes Ding durchzuziehen. Damals erforderte dies nämlich Mut und vor allem auch Bereitschaft eventuell mit seiner eigenen Forschung unterzugehen.
Dies ist mein absolutes Lesehighlight, welches ich jedem der sich für Geschichte und Medizin interessiert, ans Herz legen möchte – Ihr werdet es lieben.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe (Suhrkamp-Verlag)

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Weitere Rezensionen
© Lesewelle

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Weitere Buchinformationen

 

  • Broschiert: 276 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (9. Juli 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518468863
  • ISBN-13: 978-3518468869
  • Originaltitel: „The Butchering Art. Jospeh Lister’s Quest to Transform the Grisly World of Victorian Medicine“
  • Preis: 14,95€ (Stand vom 31.08.2018)
  • Auch erhältlich als: E-Book

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Autoren-Info
Bildquelle: Suhrkamp-Verlag / © Adrian Teal

Lindsey Fitzharris promovierte in Oxford in Medizingeschichte. Ihre YouTube-Serie Under the Knife über Wissenswertes und Gruseliges aus der Welt der Chirurgie verhalf Fitzharris zu größerer Bekanntheit. Sie schreibt regelmäßig für The Guardian, The Huffington Post, The Lancet und New Scientist. (Quelle: Suhrkamp-Verlag)

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17 Kommentare zu „Rezension „Der Horror der frühen Medizin“ von Lindsey Fitzharris ★★★★★

  1. Aaaaahhh Conny
    auf seine Rezension habe ich sowas von gewartet und sie ist so genial! Ich habe Dich vor mir gesehen, wie du am Strand liegt und mit in den Eingeweiden am wühlen bist. Das Buch muss ich lesen, es reizt irre, auch weil es aufzeigt das die Medizin echt lange gebraucht hat um zu begreifen das so simple Dinge wie Hygiene wichtig ist. Meine Güte wie viele Frauen starben im Kindsbett weil die Ärzte sich von einer Patientin zur nächsten begaben und alle Keime gleich weitergaben. Eine richtig tolle spannende Rezension und die Bilder – wie von dir gewohnt, großartig. Nur das mit dem Beiwohnen bei den Autopsieen…neee, das brauche ich nicht 😉
    Liebe Grüße
    Kerstin

    Gefällt 1 Person

    1. Jöööö, da freut sich aber jemand *g*.
      Ich muss leider auch zugeben, dass ich und meine Lektüre am Strand äußerst skeptisch beäugt wurden *g*.

      Die Geschichte der Medizin ist einfach wahnsinnig interessant und so faszinierend…und grausig.
      Die Ärzte sind nicht nur von Patientin zu Patientin gegangen, sondern nach Autopsien ebenso. Einfach mal bissl in einem Kadaver rumwühlen, dann bissl ein Baby holen und dann wieder zurück in die Prosektur. Bääähhh!

      Und ich würde schon gerne wieder mal bei Autopsien zusehen. Unglaublich faszinierend. Sorry, hör mich schon an wie Spock XD

      Also das Buch unbedingt kaufen. Ich bin sooo gespannt auf Deine Meinung.

      Liebe Grüße,
      Conny

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  2. Dafür also das Kunstblut… Das Buch klingt echt spannend und interessant. Wenn man deine Rezension brötchenessend lesen kann, kann ich das Buch wohl auch getrost auf meine Wunschliste legen. Vielleicht ist es auch was für meinen Schwager zu Weihnachten…
    Liebe Grüße
    Ariane

    Gefällt 1 Person

  3. Oh, Medizingeschichte! Grauenhaft. Ich habe früher sehr viele Bücher darüber gelesen und war jedes Mal aufs Neue schockiert, wie das abgelaufen ist. So viel Horror findet man nicht mal in Thrillern. Schockierend.
    Sollte ich wieder mal Lust dazu bekommen, über wahre Verbrechen der Welt (für mich ist die Geschichte der Medizin nichts anderes), dann sollte ich dieses Buch wohl ins Visier nehmen.

    Deine Bilder sind phänomenal! Ganz großes Kompliment!

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    1. Hallo Iris,
      Erstmal Danke für das Kompliment. Ich pantsch ja gern mit Blut rum 😆
      Verbrechen gab und gibt es in diesem Bereich schon seit Jahrhunderten. Früher wussten sie es manchmal nicht besser, manchmal waren Sadisten am Werk. Und du hast recht – Bücher mit solcher Thematik und mit wahren Geschehnissen, lesen sich „grauenvoller“ als so mancher Hardcore-Thriller oder Medizin-Horror. Interessant und faszinierend finde ich es dennoch…oder auch gerade deshalb 😉

      Liebe Grüße
      Conny

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  4. Bei Deiner „saftigen“ Rezension ist man wirklich froh, heute zu leben und nicht zu der Zeit dieser Schlacher und Schnippler … ich muss aber auch zugeben, dass mich das Thema interessiert und ich bisher nur begeisterte Stimmen zu diesem Buch gehört habe. Von trockenem Sachbuch keine Rede, das scheint ja so aufgemacht zu sein, dass man „mittendrin“ ist – ob einem das bei diesem Thema nun gefällt oder eher nicht. Ich bin auf jeden Fall neugierig auf das Buch.
    LG Gabi

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  5. Hallo Conny!

    Das klingt ja nach einem richtig spannenden Buch. Zu sehen wie die Medizin früher gearbeitet hat und wie gut es uns heute geht, hat einen gewissen Reiz für mich.
    Da ich Medizin jedoch nicht ganz so oft fit bin oder besser gesagt keine Ahnung habe, kannst du mir verraten ob viele Fachbegriffe ohne Erklärung verwendet werden? Oder ist das Buch auch für Laien zu lesen?

    Liebe Grüße
    Sabrina

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Sabrina,
      ich bin der Meinung, dass dieses Buch auch für Laien leicht zu verstehen ist und Fachbegriffe nur vereinzelt verwendet werden. Da ich jedoch im medizinischen Bereich arbeite, ist das auch etwas schwer für mich zu beurteilen.
      Im Anschluß der Rezension habe ich aber auch eine Leseprobe verlinkt. Vielleicht hilft Dir das.

      Sag‘ mir Bescheid, falls Du das Buch lesen und rezensieren solltest. Ich würde Dich dann gerne verlinken 😉

      Liebe Grüße aus Wien,
      Conny

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  6. Hallo Conny,
    vielen lieben Dank für die Verlinkung! :-*
    Ich kann dir bei deiner Rezension nur zustimmen, das Buch ist der Hammer!
    Deine Bilder gefallen mir auch besonders gut. Ist da dein eigenes Blut geflossen? 😉
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

    Gefällt 1 Person

    1. Hihi, wenn ich mit meinem Blut so herumpantschen würde, bräuchte ich schon Bluttransfusionen. Ich nehme immer nur fremdes Blut XD
      Danke für Dein Kompliment und für die Verlinkung brauchst Du Dich nun wirklich nicht bedanken. Ich habe sie mit Genuß gelesen und nur zu gerne verlinkt 😉

      Liebe Grüße,
      Conny

      Gefällt 1 Person

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