Klassiker · Rezensionen

Rezension „Der Roman des Freiherrn von Vieren“ von Adelbert von Chamisso, E.T.A. Hoffmann, Friedrich de la Motte Fouqué & Karl Wilhelm Salice-Contessa ★★★★★

Wenn auch unvollendet, so ist dieser Roman ein wahres Klassiker-Schmankerl – amüsant, spannend und inklusive zwei Novellen von  Salice-Contessa und E.T.A Hoffmann.

Familiengeheimnisse, Dramen & Doppelgänger

Vier Romantiker planen, gemeinsam einen Roman zu schreiben: Hoffmann, Chamisso, Salice-Contessa, Fouqué. Eine Handlungsskizze ist schnell entworfen, ein Anfang schnell geschrieben, aus dem sich alles Weitere – wie man annimmt: zwingend – ergeben wird. Doch dann erschlägt der zweite Autor die wichtigste Figur des ersten, der dritte Autor schickt die Nebenfiguren nach Polen und der vierte lässt vollkommen unmotiviert eine wahnsinnige Hexe mit einem weissagenden Raben auftreten. Ein heilloses literarisches Durcheinander, genial verplant, hochamüsant!…(Klappentext)

© Pink Anemone

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„Es war im Juni im Jahre Eintausendachthundertundzwölf, sonntags gegen Abend,
als Georg Haberland, der Maler,
auf seiner Reise nach Italien müde und durstig vor dem Wirtshause zum Goldenen Bock anlangte.“
(S. 7 -Anfang)

Dieser Roman ist ein wahres Schmankerl unter den Klassikern. Hier haben sich nämlich gleich vier namhafte Schriftsteller ans Werk gemacht: Adelbert von Chamisso („Peter Schlemihls wundersame Geschichte“), Friedrich de la Motte Fouqué („Undine“), Karl Wilhelm Salice-Contessa („Meister Dietrich“) und E.T.A Hoffmann („Die Elixiere des Teufels“). Gemeinsam gehörten sie den, von E.T.A Hoffmann gegründeten, literarischen Freundeskreis „Serapionsbrüder“ an. 1815 beschlossen sie gemeinsam einen Roman zu schreiben. Jeder von ihnen sollte ein paar Kapitel schreiben und so die Handlung vorantreiben.
Die Herren gerieten sich jedoch in die Haare, da jeder seine eigene Vorstellung vom Handlungsverlauf hatte. Dies lässt zumindest der Kommentar von Hoffmann vermuten, welcher dies auf „Eigensinn der Beteiligten“ zurückführte.
Hier lesen wir nun das, durch Markus Bernauer (Berliner Literaturwissenschaftler), editierte unvollendete Werk.

„Der Roman des Freiherrn von Vieren“ ist eine Mischung aus einem typischen Roman aus der Zeit der Romantik und eines beginnenden Krimis – beginnend aufgrund dessen, da dieses experimentelle Werk eben nie vollendet wurde.

© Pink Anemone

Der Maler Georg Haberland ist auf der Suche nach der Liebe, nach seiner idealen Weggefährtin, die er auch schnell in Natalie findet. Doch ständig wird er mit einem Doppelgänger verwechselt und es ist nicht nur einer, sondern es sind derlei gleich zwei, die ihm bis aufs Haar gleichen und sogar die selbe Handschrift wie er führten. Natalie hatte auch noch mit einem der beiden schlechte Erfahrungen und ist deshalb in tiefer Trauer. Georg kann diese Verwechslung zudem nicht aufklären, da sein Pass und andere Dokumente auf unerklärliche Weise verschwunden sind und außerdem scheinen auch beide Doppelgänger ein Auge auf Natalie geworfen zu haben.
Dann geschieht auch noch ein Mord. Ein Motiv scheint nur einer der Doppelgänger gehabt zu haben, beschuldigt wird jedoch Georg.
Anfangs ist Georg über diese ständigen Verwechslungen überrascht, im weiteren Verlauf beginnt er jedoch an seiner eigenen Identität zu zweifeln. Ist dies gar eine Verschwörung, welche bis zum Fürstenhof reicht, oder ist er dabei seinen Verstand zu verlieren?

„George andererseits schwankte schwindelnd am Rande des Wahnsinns, dessen er gezüchtigt war.
Er wusste bald nicht mehr, ob er der Maler George Haberland,
der wahnsinnig gewordene verbrecherische Prinz aus dem Trauerspiel, von den Furien verfolgt,
oder Deodatus Schwendy sei.“
(S. 29)

Die alte Schreibweise wurde größtenteils beibehalten und nur sehr behutsam modernisiert. Daher kommen einem des Öfteren fremd klingende Wörter unter. Doch genau diese Schreibweise und der detailreiche Erzählstil faszinieren mich an Literatur-Klassikern. Dies intensiviert bei mir die Bilder im Kopf, welche durch die Geschichte entstehen und lässt mich vollends in die damalige Zeit eintauchen.

Man merkt schon an den verschiedenen Kapitel die Unterschiede der jeweiligen Schriftsteller und deren unterschiedlicher Vorstellungen wie sich der Roman entwickeln soll. Während Salice-Contessa eher ein Familiendrama heraufbeschwören möchte, ist Fouqué wohl der Meinung gewesen, zwei Doppelgänger wären genug und schickt daher einen von ihnen mit einer Schauspieltruppe nach Polen. Chamisso hingegen wollte wohl Blut sehen und lässt eine Schlüsselfigur ermorden und E.T.A. Hoffmann, welcher sein Kapitel dann völlig zurückgezogen hat, will auch noch Übernatürliches einbringen. Kein Wunder kamen die vier Herren auf keinen grünen Zweig und sich schließlich in die Wolle, sodass der Roman nie vollendet wurde.

Leider, denn ich habe mich wirklich köstlich amüsiert und es war überaus spannend dieser Story zu folgen, da man nie wusste was einem im nächsten Kapitel erwartet und wohin das Ganze führen wird. Überraschende Wendungen wohin man nur blickt und welche die Neugierde des Lesers schüren.
Diese vier literarischen Zechbrüder hätten sich ruhig etwas zusammenreißen und jeder etwas weniger stur sein können, dann wäre dieser Roman eine wahre literarische Augenweide geworden.

© Pink Anemone

Doch der Leser muss nicht verzagen, denn Salice-Contessa und E.T.A. Hoffmann haben daraus ihre eigenen Werke geschneidert und genau diese beiden sind ebenfalls in diesem Buch vorhanden.

Ein kleiner Lese-Tipp meinerseits: Das 5. Kapitel des experimentellen Romans wurde von E.T.A. Hoffmann zurückgezogen und ist daher im Roman selbst nicht vorhanden. Daraus kreierte er den Anfang seiner Novelle „Die Doppeltgänger“. Daher einfach nach dem 4. Kapitel, das 1. Kapitel von Hoffmanns Novelle lesen und danach mit dem 6. Kapitel fortfahren.

Das Bild der Mutter

„Von dem alten Diener, der ihm beim Abendessen aufwartete,
erfuhr er indes ungefragt, dass die Kranke ohne Zweifel einen Knaben gemeint habe,
der einst bei Tagesanbruch auf der Türschwelle des Schlosses gefunden,
mit den Kindern des Hauses auferzogen worden und endlich in einem Alter von 6 Jahren auf eine unbegreifliche Weise plötzlich verschwunden sei,
und den die Gräfin sehr geliebt habe.“
(S. 71 – Das Bild der Mutter)

Dies ist das von Salice-Contessa von vornherein geplante Familiendrama. Hier kommt zwar kein Doppelgänger vor, jedoch beinhaltet es düstere Geheimnisse, überaus witzige Passagen und auch dem Protagonisten Georg Haberland und so mancher Nebenfigur ist er dabei treu geblieben.

Der Doppeltgänger

In Hoffmanns Werk gibt es ebenfalls ein Familiendrama, jedoch mit Doppelgänger. Hier wird entführt, geschossen, gelogen und gestorben und der Humor kommt hierbei ebenso wenig zu kurz.
Auch er lässt die Protagonisten und einige Nebenfiguren aus dem ursprünglichen Roman auftreten. Bei E.T.A. Hoffmann erhält man aber auch Einblicke in die Sicht beider Doppelgänger und es kommt immerzu zu überraschenden Wendungen.

„Er eilte zurück zum Wagen, aber erstarrt vor Entsetzen blieb er eingewurzelt stehen,
als er eine männliche Figur erblickte, die mit seiner Stimme sprach:
>>Die Gefahr ist vorüber!<<, und dann einstieg.
Nachstürzen wollte Deodatus dem schnell fortrollenden Wagen,
als ihn ein Schuss aus dem Gebüsch zu Boden warf.“
(S. 136 – Die Doppeltgänger)

© Pink Anemone

Dieses Buch enthält einige Abbildungen und im Anschluß an diese drei Novellen sind auch noch Anmerkungen bezüglich der Kapitelaufteilung, sowie zu den darin vorkommenden Fremdwörter.
Das Nachwort sollte man sich ebenfalls unbedingt zu Gemüte führen. Hier erhält man Einblick in die Entstehung der unvollendeten Novelle, des engen Freundschaftsbundes „Serapions Brüder“ und auch in die einzelnen Werke von Salice-Contessa und E.T.A. Hoffmann, welche aus dem Romanprojekt entstanden.

Fazit:
Wenn auch unvollendet ist dies ein wahres Schmankerl unter den vielen Literatur-Klassikern. Es ist spannend und mit äußerst vielen überraschenden Wendungen. Da auch die beiden Novellen von Salice-Contessa und E.T.A. Hoffmann vorhanden sind, hat man zumindest zwei mögliche Enden. Ich habe mich bei allen drei Novellen köstlich amüsiert und daher ist dies definitiv ein Highlight unter meinen diesjährigen Klassikern.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe (über Thalia)

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Weitere Buchinformationen:

Rezensionsexemplar mit herzlichen Dank an den dtv-Verlag!

© dtv-Verlag, inkl. Link zur Produktseite

 

  • Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (31. August 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342328157X
  • ISBN-13: 978-3423281577
  • Preis: 22,00€ (Stand vom 23.09.2018)
  • Auch erhältlich als: E-Book, TB

 

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Autoren-Info:

Adelbert von  Chamisso

 

Adelbert von Chamisso wurde 1781 in Châlonsen-Champagne geboren. Mit seinen Eltern floh er 1792 vor den Revolutionsheeren aus Frankreich und ließ sich zunächst in den Niederlanden, später in Süddeutschland nieder.
Mit „Peter Schlemihl’s wundersame Geschichte“ machte sich Chamisso einen Namen als Schriftsteller deutscher Sprache. Er starb 1838 in Berlin.

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E. T. A. Hoffmann

Ca. 1810. Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (eigentlich E. T. Wilhelm Hoffmann) (1776 – 1822) auf einem Stich von Pasini nach der Zeichnung von Wilhelm Hensel.

E. T. A. Hoffmann wurde 1776 als Sohn eines Hofgerichtsadvokaten in Königsberg geboren.
Er galt als musikalisches Wunderkind und arbeitete daneben als Zeichner und Maler. Hoffmanns erzählerisches Werk umfasst u. a. „Die Elixiere des Teufels“ und „Lebens-Ansichten des Katers Murr“. Er starb 1822 in Berlin.

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Friedrich de la Motte Fouqué

Friedrich de la Motte Fouqué entstammte dem alten französischen Landadel und wurde 1777 in Brandenburg an der Havel geboren.
Nachdem er aus der Armee ausgetreten war, ließ er sich in Weimar nieder und wurde von August Schlegel gefördert. Seine bekannteste Erzählung ist „Undine“. Er starb 1843 in Berlin.

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Karl Wilhelm Salice-Contessa

Karl Wilhelm Salice-Contessa wurde 1777 in einer Kaufmannsfamilie hineingeboren.
Sein Jurastudium brach er ab, um durch Europa zu reisen. 1802 ließ er sich in Weimar nieder, um zu musizieren, zu malen und zu schreiben. Im Jahr 1814 lerne er E. T. A. Hoffmann kennen. Salice-Contessa starb 1825 in Berlin.

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3 Kommentare zu „Rezension „Der Roman des Freiherrn von Vieren“ von Adelbert von Chamisso, E.T.A. Hoffmann, Friedrich de la Motte Fouqué & Karl Wilhelm Salice-Contessa ★★★★★

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