Rezensionen · Romane

Rezension „Bienensterben“ von Lisa O’Donnell ★★★★★

Hier erwartet einen ein Wechselbad an Gefühlen – verstörend, traurig, herzzerreißend, aber auch so unglaublich witzig – ein Lesehighlight

Das ich einen Faible für schottische Autoren habe, wissen ja schon viele von Euch. John Niven, Irvine Welsh, Stuart MacBride, um nur ein paar wenige zu nennen. Ich liebe deren unverblümte und etwas rohe Art zu schreiben und deren Werke, meist gleichzeitig Milieustudie, sind mit derben Kraftausdrücken, morbiden Humor und gleichzeitig mit Tiefsinnigkeit gespickt.
Nun haben die männlichen Autoren Konkurrenz von der weiblichen Seite bekommen und zwar mit Lisa O’Donnell.
Sie beherrscht diese derbe und rohe Schreibart ebenso und der überaus morbide Humor mit viel Ironie und Sarkasmus liegt auch ihr im Blut. Bei O’Donnell trifft man aber auch auf ruhige und nachdenkliche Töne und eine herzzerreißende Story.

„Bienensterben“ ist ihr Debüt und bereits mit diesem ist sie dabei ihre männlichen Kollegen in den Schatten zu stellen.

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Zwei kaputte Kinderseelen

Heiligabend in Glasgow: die fünfzehnjährige Marnie und ihre kleine Schwester Nelly haben gerade ihre toten Eltern im Garten vergraben. Niemand sonst weiß, dass sie da liegen und wie sie dahin gekommen sind. Und die Geschwister werden es niemandem sagen. Irgendwie müssen sie jetzt allein über die Runden kommen, doch allzu viel Geld verdient Marnie als Gelegenheits-Dealerin nicht. So ist es ihnen ganz recht, als ihr alter Nachbar Lennie, den fälschlicherweise alle für einen Perversling halten, sich plötzlich für sie interessiert. Lennie merkt bald, dass die Mädchen seine Hilfe brauchen. Er nimmt sich ihrer an und gibt ihnen so etwas wie ein Zuhause. Als die Leute jedoch beginnen, Fragen zu stellen, zeigen sich erste Risse in Marnies und Nellys Lügengebäude, und es kommen erschütternde Details aus ihrem Familienleben zum Vorschein, was ihre Lage nur noch komplizierter macht….(Klappentext)

© Pink Anemone

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„…, um sie richtig zu begraben, und weil Gene am meisten stank,
haben wir beschlossen, ihn zuerst zu beerdigen und Izzy in den Kohlekasten zu quetschen;
klar würde sie verwesen, aber so kamen wir an sie ran
und konnten zur Not Desinfektionsmittel drüberschütten.“
(S. 21)

Gleich zu Beginn sollte erwähnt werden, dass dieser Roman nicht ohne Trigger-Warnung auskommt und dieses Buch daher nicht für jeden geeignet sein könnte.
Trigger: Pädophilie, sexueller und psychischer Mißbrauch von Minderjährigen

Man liest aus drei Perspektiven.
Allen voran Marnie – 15 Jahre, Drogendealerin mit einem äußerst derben Wortschatz, nach außen hin stark und kühl, im Inneren jedoch immer noch ein bisschen Kind.

Nelly – 12 Jahre und die Schwester von Marnie; ein geigespielendes Genie und redet als wäre sie aus dem frühen 19. Jahrhundert entsprungen. Sie zerbricht sich über manche Dinge wochenlang den Kopf.
Beide hatten bisher alles andere als eine leichte Kindheit – aufgewachsen im Glasgower Ghetto, Eltern alkohol- und drogenabhängig, liebevoller Umgang Fehlanzeige. Innerhalb von zwei Tagen sterben ihre Eltern, aber nachtrauern tun die beiden Mädchen den beiden nicht wirklich. Sie beschließen die Leichen im Garten zu verbuddeln, denn in ein Heim wollen sie beide nicht. Doch rasch wächst ihnen alles über den Kopf und da tritt Lennie auf den Plan.

Lennie – ein alter Nachbar, schwul und fälschlich wegen Pädophilie im Strafregister von Sexualstraftätern aufgeführt. Dadurch wird er von allen in der Nachbarschaft geächtet. Jedoch betrauert er den Tod seines Lebensgefährten und hätte einfach nur gerne jemanden zu reden. Die Mädchen tun ihm leid und so hat er ein Auge auf sie und nimmt sich ihrer schließlich an.

© Pink Anemone
"Klar haben wir Angst, weil, irgendwann wird er ja wissen wollen, wo sie ist. 
Jetzt glaubt er, sie sind irgendwo im Grünen.
 Sind sie ja auch, nur nicht so, wie er denkt." 
(S. 187)

Der Schreib- und Erzählstil der Autorin ist einfach nur unglaublich und niemals hätte ich gedacht, dass dies ein Debüt ist.
Je nach Perspektive ändern sich Ton und Jargon. Es wird hauptsächlich aus Marnies Sicht erzählt – hier ist die Sprache eher derb und manchmal erschreckend kühl und emotionslos. Wenn man bedenkt, was die Mädchen schon alles durchmachen mussten, in gewisser Weise verständlich.
Nelly kommt meist nur kurz zu Wort, aber diese wenigen Zeilen haben es oft mächtig in sich. Beide Perspektiven ermöglichen somit auf sehr eindringliche Weise einen Blick in zwei kaputte Kinderseelen. Lennies Perspektive zeigt hingegen Besonnenheit, Reife und viel Trauer.
Daher ist dieser Roman auch vom psychologischen Standpunkt aus betrachtet interessant und packend, denn zwischen all den coolen und derben Sprüchen, zwischen all den verschiedenen Gedankengängen, verbirgt sich so einiges. Wenn man die Augen beim Lesen öffnet, kann man nämlich ganz tief in die Herzen und Seelen der Protagonisten sehen.

Obwohl die Story bedrückend,morbide und auch zeitweise verstörend ist, wird diese durch herrlich schwarzen Humor und abstrus witzige Ereignisse und/oder Handlungen aufgelockert. In einem Moment war ich schockiert, im nächsten musste ich schmunzeln. Vor allem Marnie hat einen herrlich schwarzen Humor, der vor Sarkasmus nur so trieft.
Es ist aber auch traurig und herzzerreißend zu lesen, was die Mädchen und auch Lennie schon alles durchmachen mussten und sie dadurch zu dem wurden was sie sind – kaputte Kinderseelen und ein trauernder, einsamer alter Mann.

Und doch enthält dieser Roman so viel mehr als gut gezeichnete Charaktere, tollen Schreib- und Erzählstil und packende Story. Denn trotz dieses schwarzen Humors, der oft derben Ausdrucksweise und bedrückenden Thematik, liest man immer wieder wunderschöne Passagen voller Tiefe und Weisheit, welche einen kurz inne halten lassen.

„Ich bin froh, dass die Mädchen einander haben, denn sonst ist es eine einsame Reise,
und deshalb lasse ich ihnen ihre Geheimnisse und das, was sie miteinander teilen.
Es verbindet sie, so bleiben sie stark. Und darauf kommt es an,
stark zu bleiben, es bindet einen an das Leben und zwingt einen zum Weitergehen,
selbst wenn es nur mit einem Hund ist.“
(S. 71)

Fazit:
Für mich persönlich war dieser Roman DAS Lesehighlight im Genre Roman.
Obwohl es nicht unbedingt leichte Kost war, übte die Story einen unvergleichbaren Sog auf mich aus und schickte mich durch ein Wechselbad der Gefühle. Die Geschichte ist nämlich bedrückend, traurig, verstörend, aber auch herzzerreißend und witzig.
Ein Buch über Mut, Zusammenhalt und Loyalität und eine Story die einem lange im Gedächtnis bleibt.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe (über Thalia)

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Weitere Rezensionen

© Weltenwanderer

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Weitere Buchinformationen:

 

  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; Auflage: 1 (5. November 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3832162925
  • ISBN-13: 978-3832162924
  • Originaltitel: „The Death of Bees“
  • Preis: 9,99€ (Stand vom 26.09.2018)
  • Auch erhältlich als: E-Book

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Autoren-Info:

Quelle: Dumont-Verlag; ©CJ Monk

Lisa O’Donnell arbeitet als Schriftstellerin und Drehbuchautorin.
Für ihr Drehbuch „The Wedding Gift“ wurde sie mit dem Orange Screenwriting Prize ausgezeichnet. Für ihren Debütroman „Bienensterben“, erschienen 2013 bei DuMont, erhielt sie den Commonwealth Writers’ Prize. Ihr aktueller Roman „Die Geheimnisse der Welt“ lässt ähnlichen Erfolg erwarten.
O’Donnell lebt mit ihrer Familie in Schottland.

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5 Kommentare zu „Rezension „Bienensterben“ von Lisa O’Donnell ★★★★★

  1. Hey, ich fand das Buch auch so klasse! Für mich ja eher ungewohnt das Genre, aber das hat mich sehr gereizt und nicht enttäuscht. Es holt wirklich alle Gefühle aus dem Leser raus die es so gibt … aber als Leseerlebnis wirklich was besonderes! ❤
    Vielen Dank auch fürs verlinken!

    Liebste Grüße, Aleshanee

    Gefällt 1 Person

    1. Nichts zu danken. Ich bedanke mich bei DIR für die Entdeckung dieses Lesehighlights :-*
      Die Schotten haben es eben einfach drauf. Man darf nur nicht allzu zart besaitet bezüglich Jargon und Thematik sein 😉

      Liebe Grüße aus Wien,
      Conny

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