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Rezension „Hinaus durch die zweite Tür“ von Erik R. Andara ★★★★★

Ein absolut fesselndes und surreales Lesevergnügen von einem Autor, der die Phantastik auf die nächste Stufe hebt

Der Pakt mit den Musen

In einem heruntergekommenen Wohnwagen am nebligen Waldrand, beobachtet von fremdartigen Wesen, die Claus Patera seine Musen nennt, rekapituliert er die dunkelsten Kapitel seines Lebens. Er gesteht seinem besten Freund aus Studienzeiten, dass er mehr als nur seine Seele zum Tausch bieten musste, um zu dem Künstler zu werden, der er schon sein ganzes Leben lang sein wollte…(Klappentext)

© Pink Anemone

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„Die Musen sind heutzutage nur noch Legenden, die zwar gerne bemüht werden,
an die aber keiner mehr glaubt.“
(Pos. 924)

Alfred ist auf dem Weg zu einer Ausstellung seines ehemals besten Freundes Claus. Einst besuchten sie gemeinsam die Meisterklasse der Universität für Bildende Kunst in Wien. Damals wurde Alfred eine Zukunft als hervorragender Künstler und Maler vorhergesagt, während Claus eher als besseres Mittelmaß angesehen wurde und doch kam alles ganz anders.
Während Alfred nun als Kurator eines kleinen Bezirksmuseums sein Dasein fristet, wurde aus Claus ein angesagter Künstler. Dies nagt an ihm und der Besuch dieser Ausstellung mitten in der Pampa macht es nicht unbedingt besser. Mit jedem Glas Champagner steigert sich der Frust Alfreds, während Claus sich noch rar macht und sich vermutlich im Wohnwagen auf seinen großen Auftritt vorbereitet. Der Zorn und der Neid kochen in Alfred hoch und er beschließt Claus zur Rede zu stellen. Er betritt den Wohnwagen…und ab diesem Zeitpunkt ist nichts mehr wie es war oder zu sein scheint. Nicht nur das Claus ihm die Geschichte seines Erfolges erzählt, mit der Geschichte scheint sich auch die gesamte Welt zu verändern.

„Die ausladenden Äste reichten weit über den Waldrand hinaus und bildeten eine offene Kuppel,
jenseits welcher nichts existierte außer dem eisgrauen Dunst,
aus dem die Welt bereits am anderen Ende der Zeit bestanden haben mochte.“
(Pos. 56)

Hier erwartet einen eine Geschichte in der Geschichte, eine Story, in der sich die Realität zum Surrealen bewegt, vom Weltlichen zum Grauenhaften, man jedoch nicht erkennt wo das eine aufhört und das Andere beginnt. Die Grenzen verschwimmen und sind nicht klar erkennbar. Dabei werden Mythologie und Realität verwoben und ich hatte das Gefühl eine Mischung aus Goethes „Faust“ und Shakespeares „Sommernachtstraum“ zu lesen, nur um einiges düsterer und beklemmender. Zudem erinnerte es mich an einen meiner Favoriten unter den Phantastik-Klassikern „Die andere Seite“ von Alfred Kubin, der vor allem Liebhabern der Weird Fiction und Phantastik bekannt sein dürfte.

© Pink Anemone

„Über der Lichtung lag ein helles Stimmenwirrwarr,
das sich mit dem gelegentlichen Klingeln der Gläser und der dumpfen Litaneien des Amerikaners zu einer kribbelnden Geräuschkulisse verband,
die Alfred unangenehm in den Ohren klingelte.
Plötzlich war da irgendwas im Nebel.
Etwas Riesiges kauerte jenseits der Bäume und beobachtete sie.“
(Pos. 66)

Die Story lebt von dieser dichten Atmosphäre, welche auf jeder Seite spürbar ist und einem mit sich zieht.
Doch dieses Buch kann nicht nur durch die Atmosphäre und einen ausgefeilten Plot punkten, sondern vor allem auch durch die ganz eigene literarische Stilistik des Autors. Flüssiger Schreibstil trifft auf sprachliche Virtuosität, welche nicht nur diese düstere allumfassende Atmosphäre beinhaltet, sondern ebenso Tiefe und melancholisch lyrische Klänge, gepaart mit einem Gespür für abgedrehte Dimensionen und Realitäten. Diese Stil-Mischung ist mir so noch nicht untergekommen und verdient einen für den Autor eigens erfundenen Terminus – andaraesk.

„Das unausweichliche Ende, auf das wir nicht lange warten müssen.
Es ist immer bei uns, gleich im Raum nebenan.
Das Universum begleitet unseren unaufhaltsamen Niedergang mit bestürzten Gesängen.“
(Pos. 564)

Fazit:
„Hinaus durch die zweite Tür“ beschert einem ein absolut fesselndes und surreales Lesevergnügen, welches einen mit sich zieht und nicht mehr loslässt. Ich habe diese Novelle 2x gelesen und man entdeckt immer wieder Neues, welches die Story noch unheimlicher erscheinen lässt.
Das ist das zweite Buch, welches ich von diesem Autor gelesen habe und auch von diesem bin ich wieder restlos begeistert. Damit katapultiert sich Erik R. Andara schließlich auf meine Favoritenliste für österreichische Autoren und Neuentdeckungen.

Für alle die ich nun angefixt haben sollte, habe ich jetzt jedoch eine schlechte Nachricht. Dieses Werk wurde limitiert auferlegt und wird so nicht mehr erhältlich sein. Der Autor wollte mit dieser Limitierung von 100 Stück den Lesern, welche ihn von Anfang an treu begleitet haben, etwas zurückgeben. Eine sehr schöne Geste eines Autors an seine Leser. Wenn wir Leser uns jedoch gedulden, ist es möglich diese Novelle in einer Geschichtensammlung des Autors zu entdecken.
Bis dahin möchte ich all jenen, die einen Faible für Phantastik und Weird Fiction haben, diesen Autor ans Herz legen, welcher die Phantastik auf eine höhere und komplexere Stufe hebt.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe (über Nighttrain-Verlag)

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Buchinformationen:

Rezensionsexemplar von Erik R. Andara erhalten. Vielen herzlichen Dank!

  • Format: E-Book
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 100 Seiten
  • Verlag: Nighttrain

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Autoren-Info:

Quelle: Soundcloud

Erik R. Andara wurde 1977 in der Nähe des Dunkelsteinerwalds geboren und wuchs zurückgezogen in einer kleinen Klause am Waldrand auf. Er widmete sich dort, fast unmittelbar nach seiner Ankunft in dieser Welt, dem Lesen und Erzählen von Geschichten. Zu Beginn des neuen Jahrtausends zog er nach Wien, um dort weiteres Material für seine Werke zusammenzutragen. Heutzutage schreibt er vor allem düstere Phantastik, illustriert Buch- sowie Magazincover und zeichnet hin und wieder auch Comics. Zuletzt erschienen seine Geschichten und Illustrationen in Ausgaben des Visionariums (herausgegeben von Edition Gwydion) und des IF-Magazin für angewandte Fantastik (herausgegeben bei WhiteTrain), im Kriminal Journal Nr. 4 und im E-Book-Format auf der Plattform neobooks: „Am Fuß des Leichtturms ist es dunkel“ und „Das Fest der Väter“. Sein Verlagsdebüt „Nachtspiel und Morgengrauen“ erscheint demnächst.

Weitere rezensierte Werke des Autors:

© Pink Anemone

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2 Kommentare zu „Rezension „Hinaus durch die zweite Tür“ von Erik R. Andara ★★★★★

  1. Du hast mich echt neuwertig gemacht. Und dass das Genre echt Weird Fiction heißt, findet ich total passend und originell, habe ich so noch nie gehört 😀 Den Autor schau ich mir genauer an, je verschorbener und verrückter, desto besser. Ich mag diese unheimlich, absurde Stimmung.

    Gefällt 1 Person

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