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Rezension „Biss zur Nacht“ von Sheridan Le Fanus, John William Polidori & Lord Byrons ★★★★★ & Die ersten Vampire in der Literatur

Die drei ersten Vampir-Erzählungen der Literatur in einem Band. Absolut empfehlenswert.

Die ersten Vampire in der Literatur

„Biss zur Nacht“ enthält die drei ersten Vampirklassiker der Weltliteratur. Sheridan Le Fanus „Carmilla, der weibliche Vampir“, John Williams Polidoris „Der Vampir“ und Lord Byrons „Fragment einer Novelle“. Alle Texte sind die klassischen Vampirgeschichten, die Bram Stoker zu Dracula inspirierten. Mit einem Nachwort zur Geschichte der Vampirliteratur….(Klappentext)

© Pink Anemone

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Jeder kennt den Klassiker „Dracula“, welcher aus der Feder des irischen Schriftstellers Bram Stoker (1847-1912) stammt. Dieser Roman erschien 1897 und der darin vorkommende Graf Dracula ist wohl der berühmteste Vampir der Literaturgeschichte. Inzwischen gibt es unzählige Adaptionen in den Kategorien Film und Buch und es ist kein Ende in Sicht.
Doch Bram Stoker war nicht der erste Schriftsteller, welcher das Thema Vampirismus aufgreift, sondern ließ sich ebenso von anderen Schriftstellern und deren Geschichten inspirieren.

Wo, wann und vor allem durch wen entstand dieser Vampir-Hype? Diesen Fragen möchte ich in diesem Beitrag, anhand des oben genannten Buches, auf den Grund gehen.

„Was ich Ihnen jetzt berichten werde, ist so seltsam, dass Sie es nur glauben werden, wenn Sie meiner Wahrhaftigkeit voll vertrauen.
Meine Geschichte ist wahr, mehr noch, ich habe sie selbst erlebt.“
(„Carmilla II – Ein Gast“)

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstand innerhalb der Romantik das Subgenre Schwarze Romantik, auch Schauerromantik genannt und diese wiederum gehört zur Schauerliteratur. Zu diesen Gothic Novels zählen die in diesem Buch enthaltenen Geschichten, welche die Vampire in der Literatur erst so richtig populär machten.

Vampirdarstellungen waren in der Literatur natürlich auch schon früher bekannt, welche aus diversen Volksglauben und Legenden entstanden. Im Volksglauben waren diese Blutsauger jedoch primitive Bestien mit animalischen Zügen, während sie in der Literatur eher die Attribute von Geistern inne hatte, wie z.B. in Goethes „Braut von Korinth“ (1798). Sie waren also alles andere als menschlich.

Erst durch Polidori erhielten Vampire menschliche Züge. Er ging sogar so weit seinen Vampir als gebildet, gutaussehend und vornehm darzustellen, wenn auch immer noch bösartig.

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„Der Vampir“ von John William Polidori
© Pink Anemone

„Es ereignete sich, dass, mitten unter den Zerstreuungen eines Winters zu London,
in den verschiedenen Gesellschaften der tonangebenden Vornehmen ein Edelmann erschien,
der sich mehr durch seine Sonderbarkeiten, als durch seinen Rang auszeichnete.“
(„Der Vampir“)

John William Polidori (1795-1821) war nicht nur Schriftsteller, tatsächlich war er vorrangig Leibarzt des Dichters Lord Byron (1788-1824). Durch ihn lernte er auf einer Reise Percy Shelley und Mary Godwin kennen, Letztere besser bekannt als Mary Shelley, damals jedoch noch nicht mit Percy verheiratet.

 

Diese illustre Gesellschaft liebte es, sich die Zeit mit dem Erzählen von Geschichten die Zeit zu vertreiben.
1816 im „Jahr ohne Sommer“ saßen diese Herrschaften wieder am Kamin und es entbrannte ein Wettstreit wer die beste Schauergeschichte zum besten geben konnte. Dadurch erblickte die Gothic Novel „Frankenstein or The Modern Prometheus“ durch Mary Shelley das Licht der Literaturwelt.

Frankenstein (Ausgabe 1831)

Lord Byron steuerte ein Fragment einer Novelle bei, in der das erste Mal ein Vampir mit vornehmen Zügen auftritt. Es blieb jedoch bei diesem kurzen Auszug.

„Ich erschrak über die plötzliche Gewissheit, an der nicht zu rütteln war –
sein Gesicht wurde in wenigen Minuten fast schwarz.
Ich würde die so schnelle Veränderung Gift zugeschrieben haben, wenn ich nicht gewusst hätte,
dass er es nicht unbemerkt empfangen konnte.
Der Tag neigte sich, die Leiche veränderte sich immer mehr,
und es blieb nichts übrig, als den Wunsch zu erfüllen.“
(„Fragment einer Novelle“ von Lord Byron“)

Polidori spann genau diese Geschichte von Lord Byron weiter und erschuf so den ersten Vampir der Weltliteratur, der die typischen Attribute hatte, welche bis heute Bestand haben – gutaussehend, verführerisch, gebildet und gut situiert, a la Lord Ruthven, der Vampir aus „Der Vampir“.

Erste englische Buchausgabe / Quelle: Wikipedia

„Auf ihren Wangen, selbst auf ihren Lippen war keine Farbe mehr;
doch war über das Gesicht eine Ruhe verbreitet, die fast so anziehend schien als das sonst hier wohnende Leben;
auf ihrem Nacken und ihrer Brust war Blut sichtbar,
und an der letzteren sogar das Zeichen von Zähnen, die eine Ader geöffnet hatten.
(„Der Vampir“)

„Der Vampir“ (Originaltitel: „The Vampyre“) entstand 1816 aus dem bereits erwähnten Erzählfragment von Lord Byron. Erschienen ist die Erzählung jedoch erst 1819 und wurde irrtümlich Byron zugeschrieben. Dies war von den beiden Gentlemen jedoch durchaus beabsichtigt, da die Novelle dadurch wesentlich mehr Aufmerksamkeit erhielt und erfolgreicher wurde.
Beide lehnten übrigens ein Honorar für die Veröffentlichung ab. Es war eine Geschichte, die aus Spaß an der Freude entstand.

Dies war der Beginn eines wahren Vampir-Hypes in der Literatur. Alle nachfolgenden Werke von anderen Schriftstellern wurden von Polidoris „Vampyre“ geprägt.

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„Carmilla, der weibliche Vampir“ von Sheridan Le Fanu
© Pink Anemone

„Ich spürte, wie es geschmeidig aufs Bett sprang.
Die großen Augen näherten sich meinem Gesicht, und plötzlich spürte ich einen stechenden Schmerz,
so, als drängen mir zwei lange Nadeln im Abstand von nur wenigen Zoll tief in die Brust.“
(„Carmilla VI. – Ein höchst seltsames Leiden)

Dies ist eine Novelle des irischen Schriftstellers Sheridan Le Fanu (1814-1873), welche 1872 erschien und Bram Stoker zu seinem Roman „Dracula“ inspirierte.
Carmilla ist quasi der Prototyp für alle folgenden Vampire, insbesondere der weiblichen. Seine Vampirin schläft tagsüber, kann durch Wände gehen und sich in eine Katze verwandeln.
Mit ihr hat Le Fanu auch sämtliche Tabus gebrochen. Sexualität spielt hier nämlich eine sehr wichtige Rolle und Carmilla ist homosexuell. Obwohl Le Fanu dabei sehr konkrete Ansätze bezüglich ihrer sexuellen Neigung liefert, wird dies nie explizit benannt.

Illustration von D.H. Friston in der Zeitschrift The Dark Blue, 1872 / Quelle: Wikipedia

„Dann zog sie mich, mit triumphierenden Blick, an sich,
ließ ihre heißen Lippen über meine wandern und flüsterte fast schluchzend:
>>Du gehörst mir, du wirst mir immer gehören, und du und ich sind eins für ewig.<<“
(Carmilla IV. – Ihre Gewohnheiten. Ein kurzer Spaziergang)

Mit diesem Roman sorgte der Schriftsteller für Aufsehen, jedoch nicht aufgrund des sexuellen Tabubruchs, sondern weil er den Adel hier alles andere als gut wegkommen lässt und die Unterdrückung der Frauen anprangert.

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In „Biss zur Nacht“ sind eben diese drei Erzählungen enthalten, wenn auch nicht chronologisch:

  • „Carmilla, der weibliche Vampir“ von Sheridan Le Fanu
  • „Der Vampir“ von John Williams Poidori
  • „Fragment einer Novelle“ von Lord Byron

Bezüglich der Übersetzung kann ich leider kein Urteil abgeben, da ich keine dieser Geschichten im Original gelesen habe.
Der Schreib- und Erzählstil sind an die neue Rechtschreibung angepasst und scheinen wirklich behutsam modernisiert worden zu sein, denn beim Lesen sprang durchaus der Charme der damaligen Zeit auf mich über. John Polidori verwendet wirklich lange Schachtelsätze, wobei mich diese prinzipiell nicht stören, schon gar nicht bei einem Klassiker.

Im Anhang befindet sich noch ein kurzes Nachwort zur Geschichte der Vampirliteratur. Obwohl dies für mich nichts Neues enthielt, war es dennoch interessant zu lesen.

Fazit:
Ich fühlte mich mit diesen Erzählungen bestens unterhalten. Vor allem „Carmilla“ hat es mir angetan.
Dieses Buch kann ich allen Vampir-Fans und Gothic-Novel-Liebhabern wärmstens empfehlen, um die Entstehung des Vampirmythos anhand dieser klassischen Erzählungen mitzuerleben.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Weitere Blogger-Links

Bei Dandelion findet Ihr eine weitere Rezension zu „Carmilla, der weibliche Vampir“. Hierbei geht er jedoch wesentlich mehr in die Tiefe und man erhält auch Information bezüglich empfehlenswerte deutsche Übersetzungen.

Dandelion | Abseitige Literatur

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Weitere Buchinformationen:

© Pink Anemone

 

  • Taschenbuch: 238 Seiten
  • Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform (11. Mai 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 1484946952
  • ISBN-13: 978-1484946954
  • Preis: 7,99€ (Stand vom 1.11.2018)
  • Auch erhältlich als: E-Book

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4 Kommentare zu „Rezension „Biss zur Nacht“ von Sheridan Le Fanus, John William Polidori & Lord Byrons ★★★★★ & Die ersten Vampire in der Literatur

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