Rezensionen · Romane

Rezension „Der Berg“ von Dan Simmons ★★★★★

Ein atmosphärischer Roman, der einem in die damalige Zeit und in die Welt der Berge eintauchen lässt.

Qomolangma

Wir schreiben das Jahr 1924. Auf der Nordostseite des Mount Everest machen sich die beiden englischen Bergsteiger George Mallory und Andrew Irvine auf den Weg zum Gipfel – und verschwinden für immer. Bis heute weiß man nicht, was mit ihnen geschehen ist. Waren es die Wetterbedingungen, die an diesem Tag herrschten? Oder war noch etwas dort oben bei ihnen auf dem Berg, etwas Tödliches? Mit Der Berg erzählt Bestsellerautor Dan Simmons die packende Geschichte von der Erstbesteigung des Mount Everest – ein Roman, den man nie wieder vergisst….(Klappentext)

© Pink Anemone

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„Während wir rasch von einer Eisnadel zur nächsten huschten, um Deckung vo reinem unbekannten Feind zu suchen,
fragte ich mich allmählich, wann diese Expedition die Grenze vom lediglich Ausgefallenen
ins Reich des Fantastischen überschritten hatte.“
(S. 553)

Vor allem Kletterer und Alpinisten kennen die historischen Ereignisse bezüglich so mancher Erstbesteigungen. Hierbei ist das Verschwinden von den britischen Bergsteigern George Mallory und Andrew Irvine auf dem Mount Everest DAS Ereignis schlechthin.

Sie wollten die „Mutter des Universums“, so die Namensübersetzung aus dem Tibetischen, bezwingen, verschwanden jedoch spurlos.
Erst 1999 wurde Mallorys Leiche und ein Eispickel Irvines gefunden. Mallorys Leiche wies keine typischen Absturzverletzungen auf, lediglich ein gebrochener Unterschenkel und Irvines Überreste wurden bis heute nicht gefunden. Dies gibt natürlich bis heute Rätsel auf. Vor allem die Frage, ob die beiden womöglich den Gipfel erreichten und somit als die Ersten den Mount Everest bezwungen haben.

Mallory Expedition

Mit diesem historischen Ereignis im Hintergrund erschuf Dan Simmons einen fiktiven Roman, der den Leser in die damalige Zeit, in einen Teil der Geschichte des Bergsteigens und vor allem in die Welt der Berge eintauchen lässt. Dabei haben auch durchaus berühmte Bergsteiger und Pioniere ihren Auftritt, wie z.B. George Ingle Finch und Edward Felix Norton einen Auftritt.

Nur wenige Tage nach dem Verschwinden von Mallory und Irvine fand auch ein anderer Brite auf dem Mount Everest den Tod. Lord Bromley schien der Everest-Expedition von Mallory zu folgen und das auf eigene Faust und ohne die entsprechende Ausrüstung. Laut eines Zeugen wurden er und sein unbekannter Begleiter von einer Lawine erfasst und in den Abgrund gerissen. Drei Männer wollen diesen beiden Ereignissen, das Verschwinden von Mallory und Irvine und den angeblichen Tod von Lord Bromley, nachgehen.
Der Engländer Davis Deacon – von allen nur „Der Diakon“ genannt. 37 Jahre und schon 1922 mit Mallory auf einer Mount Everest-Expedition und somit ein erfahrener Alpinist.
Der Franzose Jean-Claude Clairoux – kurz J.C., 25 und bereits erfahrener Bergführer.
Und der Amerikaner Jake Perry – 22, erfahrener Felskletterer, der ebenfalls schon einige Bergbesteigungen hinter sich hat und dessen Geschichte wir hier lesen.

© Pink Anemone

„Bald nachdem wir vom Schnee auf Fels gelangen, fängt der Gipfel des Everest an golden zu leuchten.
Dann erstrahlen auch die Spitzen des Changtse, Makalu, Chomolonzo und anderen hohen Berge in der Nähe,
und auch weit im Norden begrüßen die ersten steinernen Riesen den Morgen.“
(S. 479)

Diese drei machen sich zum Ziel den Mount Everest zu besteigen und den mysteriösen Hintergründen nachzugehen. Um dies finanzieren zu können, wenden sie sich an Lady Bromley, die Mutter von Lord Bromley, welche noch immer die Hoffnung hegt, dass ihr Sohn lebt. Schnell wird jedoch klar, dass sie eigentlich die Erstbesteigung des Mount Everest im Sinn haben und somit begeben wir uns mit ihnen auf eine waghalsige Mount Everest-Expedition und besteigen mit ihnen die Mutter der Berge. Doch hier scheinen nicht nur Schnee, Eis und die Berge selbst die Feinde der drei Bergsteiger zu sein…hier lauert noch etwas ganz anderes auf sie.

© Pink Anemone

Dies ist mein erster Dan Simmons und ich bin begeistert. Wer jedoch einen spannenden Abenteuerroman erwartet, wird hier wohl eher enttäuscht sein. Simmons konzentriert sich vor allem auf die Charaktere und atmosphärische Natur- und vor allem Bergbeschreibungen. Bis man sich auf der eigentlichen Expedition befindet, gehen schon mal 250 Seiten ins Land. Diese gestalten sich jedoch keineswegs langweilig. Man erhält Kenntnisse in die tragische Matterhorn-Besteigung des Bergsteigers Whymper im Jahre 1865 , bei der drei Männer in den Tod stürzten.

Ebenso ist man bei den Vorbereitungen dabei, erhält so Einblick in die Ausrüstung, sowie in die Entwicklung dieser. Dadurch lernt man wiederum so einiges über die Geschichte der Bergsteigerausrüstung und mit welch einfachen und primitiven Mitteln damals geklettert wurde. Hier möchte ich anmerken, dass die Bergsteiger von damals den höchsten Respekt verdienen.
Man erfährt aber auch, dass mit dem Tod von Lord Bromley etwas nicht stimmt und dieser Zeuge alles andere als vertrauenswürdig ist. Dadurch blickt man auf die politischen Ereignisse von damals, als der Nationalismus bereits eine gefährliche Wendung annimmt und dessen Ausgang uns nur wohl bekannt ist.
Danach erhält man ein Bild von den Darjeeling-Teeplantagen und weiteren Vorbereitungen, bis man sich schließlich auf den Berg begibt.

© Pink Anemone

„Während ich mich über die Leiter schiebe, mache ich den Fehler,
einen Blick in die blauschwarz schimmernden Tiefen zu werfen.
Unter den wackelnden, vereisten Sprossen tut sich ein gähnender Abgrund auf.
Die Neigung der Leiter wirkt auf einmal viel steiler.
Ich spüre, wie mir das Blut in den Kopf schießt.“
(S. 391)

Der Roman punktet vor allem durch die detailreichen Natur- und Bergbeschreibungen und die Charakterzeichnungen. Obwohl es eher ruhig verläuft, konnte mich dieses Buch von Anfang an fesseln. Gegen Ende wird es dann aber doch sehr temporeich und der Roman entwickelte sich nahezu zu einer spannenden Story a la Indiana Jones. Ich muss jedoch gestehen, dass mir eher waghalsige und beklemmende Kletterpartien den Atem raubten. Ich las so manche Kletterszene mit angehaltenem Atem und durch gespreizte Finger.
Kurz gesagt – der Schreib- und Erzählstil von Simmons ist packend und plastisch zugleich.

Zusätzlich enthält dieser historische Roman durchaus wunderschöne und nachdenkliche Passagen, welche vor allem Alpinisten und Kletterer nachempfinden können.

„Doch heute weiß ich, dass Bergsteigen vor allem unter extremen Bedingungen, die keinen Fehler zulassen – ein sonderbares Pendant zu Zen ist.
Das Bewusstsein des Kletterers ist hier bis auf die nächsten Bewegungen, die er erspäht oder erspürt,
und die Geschwindigkeit, die er benötigt, um am Fels zu bleiben, beschränkt.
Im Geist spielt er die Griffe und Tritte durch, die ihn voranbringen und vor dem Sturz in den Tod bewahren.“
(S. 677)

Fazit:
Dieses Buch habe ich auch teils im Gedenken an meinen Großvater gelesen, welcher leidenschaftlicher Alpinist und somit bei jeder sich bietenden Gelegenheit in und auf den Bergen war. Er bestieg, unter anderem, den Mount Blanc und als Bergführer auch das Matterhorn. Diese Liebe zur Natur und zu den Bergen habe ich Großteils ihm zu verdanken, wobei ich mich eher auf das „gemütlichere“ Wandern in den tieferen Ebenen beschränke.
Dan Simmons schaffte es mich in die Welt der Berge eintauchen zu lassen und diese Welt ist alles andere als ungefährlich. Authentische, detailreiche und vor allem bildhafte Beschreibungen, egal ob Ausrüstung, Bergverhältnisse oder Klettermanöver betreffend – hier passt einfach alles.
Für Alpinisten, Kletterer und Liebhaber von Bergen und Natur ein absolutes Muss.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe

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Weitere Buchinformationen

 

  • Gebundene Ausgabe: 768 Seiten
  • Verlag: Heyne Verlag (26. Mai 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3453268962
  • ISBN-13: 978-3453268968
  • Originaltitel: „The Abominable“
  • Preis: Gebrauchte HC-Ausgabe ab 20,00€ erhältlich
  • Auch erhältlich als: TB und E-Book
© Pink Anemone

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Autoren-Info
Bildquelle: Amazon

Dan Simmons wurde 1948 in Illinois geboren. Nach dem Studium arbeitete er einige Jahre als Englischlehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Simmons ist heute einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Seine Romane Terror, Die Hyperion-Gesänge und Endymion wurden zu internationalen Bestsellern. Der Autor lebt mit seiner Familie in Colorado, am Rande der Rocky Mountains.

Weitere rezensierte Werke des Autors:

 

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Mount Everes-Filme

Ich muss gestehen, dass ich noch keinen der Filme gesehen habe,dies jedoch unbedingt demnächst nachholen möchte. Wer sich also nicht nur lesetechnisch auf den Mount Everest begeben möchte, findet hier eventuell ein paar Tipps.

  • „Nordwand“ – Über die tragische Erstbesteigung der Eiger Nordwand im Jahr 1936.
    Die Erstbesteigung der Eiger Nordwand ist der erklärte Traum für alle Bergsteiger. 1936 wagen die Bayern Toni Kurz und Andi Hinterstoisser den Wahnsinnsakt. Während der Vorbereitungen treffen sie auf Tonis Jugendliebe Luise, die als Journalistin über die Erstbesteigung berichten soll. Toni liebt Luise immer noch, aber sie scheint ihrem Kollegen Arau zu erliegen. Verzweifelt beginnt Toni mit Andi den Aufstieg, die Österreicher Willy Angerer und Edi Rainer sind ihnen auf den Fersen. Nach gutem Beginn verlieren die Bergsteiger die Kontrolle. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

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  • „The Wildest Dream“ – Bergsteiger-Doku, die dem 1924 am Mount Everest tödlich verunglückten George Mallory gewidmet ist.
    Bei seiner Besteigung des Mount Everest im Jahr 1999 stößt der amerikanische Bergsteiger Conrad Ankers auf die Leiche des 1924 dort verunglückten George Mallory. Das Fehlen eines Fotos der Frau Mallorys, das dieser auf dem Gipfel platzieren wollte, führt Ankers zu der Frage, ob es Mallory damals vielleicht doch gelang, den Gipfel zu bezwingen. Im Jahr 2007 versucht Ankers gemeinsam mit Leo Holding, die Route von Mallory und dessen Partner mit der technischen Ausrüstung Mallorys zu absolvieren. Er will herausfinden, ob eine Erstbesteigung des Berges durch Mallory möglich war.

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  • „Everest“ – Drama über zwei Expeditionsteams, die im Jahr 1996 den Mount Everest erklimmen wollen.
    Der Film basiert auf dem wahren Unglück, das sich im Mai 1996 zugetragen hat. Damals wurden mehr als 30 Bergsteiger von dem plötzlich aufziehenden Unwetter überrascht. Acht von ihnen starben dabei – fünf auf der Süd-, drei auf der Nordseite. Obgleich das Besteigen des Mount Everest generell als lebensgefährlich einzustufen ist und der höchste Berg der Erde immer wieder Opfer forderte, so ging doch dieses Unglück um die Welt und schließlich auch in die Geschichte ein.

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