Rezensionen · Romane

Rezension „Unsterblichkeit ist auch keine Lösung – Ein Goethe – Schiller-Desaster“ von Christian Tielmann ★★

Anfangs amüsant, doch im weiteren Verlauf eine eher langwierige und fade Geschichte ohne Ende

Was beliebt ist, ist noch lange nicht gut

Im Jahr 2014 bringt der krisengeschüttelte Buchmarkt auch die Absätze der deutschen Klassiker Goethe und Schiller zum Sinken, deshalb werden die beiden Herren (265 und 255 Jahre alt) von Verleger Cotta auf eine Lesereise durch den Harz geschickt. Krönender Abschluss soll die Lesung des ›Faust‹ auf dem Brocken sein. Nur widerwillig lässt sich Goethe darauf ein. Ärgerlich, dass Kollege Schiller ihm im Umgang mit verspäteten ICEs, desinteressierten Schülern und der attraktiven mitreisenden Buchhändlerin immer eine Nasenlänge voraus zu sein scheint. Und schließlich mit neuen Ideen zum Höhenflug ansetzt…(Klappentext)

© Pink Anemone

ꕥꕥꕥꕥꕥ

„Aber Cotta glaubte ja, dass es seinen Büchern guttäte, wenn er sich mehr den Menschen zuwenden würde. Was für ein Blödsinn. Wann war je ein Stück wahrer Literatur entstanden, das nicht in der Einsamkeit der Studierstube geschrieben wurde?“
(S. 15)

Was wäre, wenn Goethe und Schiller noch leben würden? Zwar schon etwas in die Jahre gekommen, genauer gesagt 265 und 255 Jahre alt, mit so mancher verstaubten Ansicht, aber der modernen Zeit nicht gänzlich abgeneigt? In diesem Roman wird uns diese Frage auf sehr amüsante Weise beantwortet.
Goethe und Schiller müssen von ihrem Verlag aus auf eine Lesetour durch Schulen tingeln, um für ihre eigenen Werke etwas Marketing zu betreiben. Diese werden nämlich so gut wie nicht mehr verkauft, geschweige denn gelesen. Die klassische Literatur ist dem Untergang geweiht und dem muss entgegengewirkt werden, um gleichzeitig den gesamten Buchmarkt wieder zu pushen. Während Schiller sich zu einer wahren Rampensau entwickelt und diese Aufmerksamkeit geniesst, ist Goethe todunglücklich, denn Schulen waren Goethes Sache nicht.

Hier haben wir es mit zwei völlig verschiedenen Charakteren zu tun. Da wäre der extrovertierte Schiller, immer zu Späßen aufgelegt, manchmal etwas laut und immer in Flirtlaune. Er genießt den Rummel, lebt richtig auf und sonnt sich in der Aufmerksamkeit. Und dann haben wir den etwas arrogant wirkenden und griesgrämigen Goethe, der gerne im Stillen vor sich hin flucht, dabei kein Blatt vor den Mund nimmt und lieber zu Hause in seinem Studierzimmer hocken oder in den Armen einer jungen Frau liegen würde. Während wir die beiden auf ihrer Lesereise „Klassiker zum Anfassen“ begleiten, sich Goethe in eine junge Buchhändlerin verliebt und Schiller auf einmal sein neuestes Werk, einen Fantasy, präsentiert, wird Schiller immer kränker und über Goethes Haupt braut sich ein Skandal zusammen … wie wird diese Reise wohl enden?

© Pink Anemone

„Aber Schiller, die korrupte Sau, kannte nichts: Er las tatsächlich eine stümperhaft zusammengeschusterte Geschichte von Elfen und Einhörnern, Gnomen und vielen bösen, finsteren Mächten, die im Krieg mit einer Heerschar von aberwitzig abgedroschen gezeichneten umotiviert handelnden Figuren-Versatzstücken aus tausenduneinem Papierkorb lagen. Es war schaurig.“
(S. 91)

Goethe und Schiller waren schon zu ihren Lebzeiten enge Freunde, so eng, dass sich Goethe nach seinem Tod sogar neben Schiller begraben ließ. Goethe sah in Schiller schon immer den jungen Konkurrenten und Schiller war immer schon ein aufgeweckter Mensch, wenn man den Geschichten glauben darf. Dies wird in diesem Roman sehr gut aufgegriffen, vom Autor weitergesponnen und in unsere Zeit transportiert.
Zudem haben noch zwei weitere Figuren die Zeit überdauert. Johann Friedrich Freiherr von Cotta und Johann Peter Eckermann. Schon damals war Cotta der Verleger von Goethe und Schiller. Diese Tätigkeit führt er auch hier fort. Eckermann war ein enger Vertrauter Goethes und fungiert hier als so eine Art Sekretär von Goethe, ist quasi sein Mädchen für alles.

Der Schreibstil ist klar und flüssig und die Story enthält Witz und Humor. Auch die Idee die beiden Herren die Zeit überdauern zu lassen fand ich genial. Insgesamt habe ich mir aber wohl mehr von diesem Roman versprochen, als er geboten hat.
Anfangs war es noch amüsant die beiden Literaten auf ihrer Reise zu begleiten und insbesonders die Darstellung von Goethe fand ich sehr gelungen und witzig, aus dessen Perspektive übrigens erzählt wird. Doch im Grunde passiert hier immer das Gleiche und es wird zunehmend langweilig.

© Pink Anemone

„Er suchte in seiner Tasche nach dem >Werther<. Den konnte er im Grunde auswendig. Aber er hasste ihn. Hätte er doch diesen Kitsch niemals geschrieben. Andererseits zog er noch immer.“
(S. 30)

Es wird von einer Schule zur nächsten getingelt, Schiller freut’s, Goethe motzt und … ja, das war’s auch schon. Und das Ende? Nun, es gibt irgendwie keines. Der Roman scheint mittendrin zu enden und lässt mich mit einem verdutzten und enttäuschtem Gesicht zurück.

Fazit:
Was habe ich mich auf diesen Roman gefreut, bin ich doch vor allem eine Bewunderin Goethes und lese seine Werke immer noch gerne, selbst den „Werther“ finde ich toll.
Anfangs war ich begeistert von diesem Roman und fand den griesgrämigen Goethe durchaus witzig, doch leider wurde es schnell langweilig. Diese Idee zwei uralte klassische Schriftsteller in die Gegenwart zu transportieren würde einiges hergeben, doch leider wurde dies nicht genutzt. Zum Schluß hin scheint der Autor selbst keine Lust mehr darauf gehabt zu haben und ließ den Roman irgendwie unvollendet. Schade.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

ꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥ

Leseprobe

ꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥ

Weitere Buchinformationen

Rezensionsexemplar mit herzlichen Dank an den dtv-Verlag.

 

  • Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (28. Februar 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342328188X
  • ISBN-13: 978-3423281881
  • Preis: 14,00€ (Stand vom 08.05.2019)
  • Auch erhältlich als: E-Book
© Pink Anemone

ꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥ

Autoren-Info
© Jochen Nies / Bildquelle: dtv-Verlag

Christian Tielmann wurde 1971 in Wuppertal geboren. Er studierte Philosophie und Deutsch in Freiburg und Hamburg. Heute lebt er in Detmold und schreibt erfolgreich Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. (Quelle: dtv-Verlag)

ꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥꕥ


 

 

 

Werbeanzeigen

5 Kommentare zu „Rezension „Unsterblichkeit ist auch keine Lösung – Ein Goethe – Schiller-Desaster“ von Christian Tielmann ★★

  1. Hallo :),

    ich bin gerade auf der Suche nach Büchern für Daggis Aufgabe mit der Verneinung im Titel.
    Zu schade mit dem Buch hier. Es hört sich echt verlockend an, aber griesgrämige Protagonisten nerven mich total. Daher vermute ich, dass es mir nicht gefallen wird.
    Allerdings ist mir durch diesen Titel ein Buch eingefallen, dass ich auf dem SuB habe. (Nicht denken, macht auch nicht schön.)

    Liebe Grüße
    Petrissa

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Petrissa,
      ich war von diesem Buch auch enttäuscht. Habe mir echt mehr davon erwartet.
      Was wird es denn jetzt für ein Buch? Hast mich richtig neugierig gemacht *g*.
      Werde dann auch gleich mal bei Dir vorbeiluschern. Ich brauche ja auch noch ein Buch, was auch von anderen Teilnehmern bereits gelesen wurde. Vielleicht finde ich ja bei Dir etwas *g*

      Liebe Grüße aus Wien
      Conny

      Liken

      1. Hallo Conny,

        das Buch heißt: Nicht denken macht auch nicht schön. xDD
        Es geht um philosophische und ethische Fragen. So was wie: Du bist überzeugt, dass Du die richtige Lösung für ein Problem hast. Bist Du bereit, Deine Lösung gegen die Mehrheit durchzusetzen, wenn Du die Macht hättest?

        Liebe Grüße
        Petrissa

        Liken

  2. Ach wie schade, die Idee hinter dem Buch finde ich ja auch echt großartig! Aber gut, dass ich das jetzt mit dem Ende weiß und auch, dass es langweilig sein könnte, dann kann ich meine Erwartungen gerade rücken. Bin schon gespannt, wenn ich es irgendwann ml lese. Danke für die Rezension! 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Hallöchen,
      ich habe mich auch sehr auf dieses Buch gefreut und daher war ich dann umso enttäuschter. Schade, schade, denn die Story würde so viel hergeben.
      Sag‘ mir dann Bescheid wie es Dir gefallen hat und falls Du es rezensierst einfach melden zwecks Verlinkung 😉

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.