Rezensionen · Sachbücher/Biographien

Rezension „Mach mal halblang“ von Matt Haig ★★★★★

Ein wunderbares Buch mit Humor und Ironie über Reizüberflutung und wie man dieser entgeht

First of all

Bevor ich Euch meine Rezension vorstelle, möchte ich Euch erklären, wieso ich dieses Buch als Rezensionsexemplar angefragt habe.

Ich arbeite als Krankenschwester auf einer Akut-Psychokardiologischen Station, die einzige Kardiologie Wiens, die sich ebenso mit der Psychosomatik im Zusammenhang mit Herzerkrankungen beschäftigt.
Die Infarktpatienten werden immer jünger und nicht immer ist der Infarkt genetisch bedingt oder wird durch Drogenmissbrauch verursacht. Es liegt häufig am permanenten Stress dem wir ausgesetzt sind – ob beruflich, privat oder durch psychische Erkrankungen ausgelöst. Letzteres, die psychischen Erkrankungen, treten in der heutigen Gesellschaft ebenfalls vermehrt auf – Burn-Out, Depression, Angststörungen, postttraumatische Belastungsstörung, etc.
Nicht wenige werden mit Verdacht auf einen Infarkt eingeliefert und es stellt sich heraus, dass es „nur“ eine Panikattacke war. Dies betrifft dann nicht nur Patienten, welche an einer bereits bekannten Depression oder Angststörung leiden, sondern Menschen, die noch nie eine Panikattacke hatten und für die es wie aus dem Nichts kam – Businessmen and -women, harte Burschen, starke Frauen,…
Im Laufe ihres Krankenhausaufenthaltes werden psychologische Gespräche angeboten (welche von Patienten zu Beginn oft nicht wahrgenommen werden, denn sie sind ja nicht verrückt, im Endeffekt aber doch immer in Anspruch genommen werden – so bissl reden kann ja auch ned schaden).
In dieser Gesprächstherapie versucht man dieser Panikattacke auf den Grund zu gehen – woher diese plötzliche Attacke kam und wodurch sie ausgelöst wurde. Auch hier ist es meist Stress, bzw. Reizüberflutung, die nicht als solche erkannt/nicht wahrgenommen wurde. Der Körper zog also quasi die Reißleine für die Psyche.

„Je genauer wir hinsehen, desto unlogischer wird die Linie, die wir zwischen Geist und Körper ziehen, und doch stützt sich unser gesamtes Gesundheitssystem darauf. Und nicht nur das Gesundheitssystem. Auch unsere Gesellschaft und unsere Identität. Es ist an der Zeit, die Trennung aufzulösen. Es ist an der Zeit, uns als ganzen Menschen zu akzeptieren.“
(S. 214)

Ich habe dieses Buch also nicht nur angefragt weil Matt Haig der Autor ist, dessen Bücher ich immer wieder gerne verschlinge und liebe, sondern weil er Themen wie Depression, Angststörung, etc., im Zusammenhang mit der heutigen Gesellschaft, unserer Kultur und dem schnellen Leben behandelt und dies somit in gewisser Weise „meine Schäfchen“ betrifft.
Nach Beendigung des Buches war also nicht nur für mich persönlich klar auf was ich achten muss, um mich nicht selbst zu verlieren, sondern ebenso, wie man Patienten davon „überzeugen“ kann kürzer zu treten und vielleicht auch etwas leiser. Dieses Buch wird also ab nun als Literaturempfehlung für Patienten dienen, um dem/der einen oder anderen eventuell behilflich zu sein, leichter aus dem Loch der Depression, der Angststörung und/oder der Panikattacke zu finden und vor allem sich selbst.
Falls diese Rezension also Psychologen, Psychiater, Kardiologen, Psychokardiologen, Krankenschwestern etc., lesen sollten – wenn Ihr Euch das Buch nicht für Euch zulegt, dann tut es für Eure Klienten/Patienten. Sie werden Euch dankbar sein.

Und nun kommen wir zu meiner Rezension.

☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯

Cool sein kannst du, wenn du tot bist

Sind Sie schon durchgedreht oder arbeiten Sie noch daran?
Wir leben in einem Zeitalter der Ängste und der überdrehten Schnelligkeit. Man könnte meinen, unsere gesamte Lebensweise wäre darauf ausgerichtet, uns ins Unglück zu stürzen. Der Life-Overload hat uns fest im Griff. Aber: Können wir etwas dagegen tun? Matt Haig beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie die lärmende Außenwelt unser Denken beherrscht und wie wir uns zur Wehr setzen können. Es geht um große und kleine Dinge, um Weltpolitik, Gesundheit, Smartphones, Social Media, Sucht, Vernetzung. Ein Buch, das uns alle angeht und das uns unserer eigentlichen Aufgabe wieder ein wenig näherbringt: dem Menschsein…(Klappentext)

© Pink Anemone

☯☯☯☯☯

„Wir können über ALLES nachdenken. Und wenn wir nicht aufpassen, tun wir es irgendwann auch. Vielleicht müssen wir manchmal einfach mutig genug sein, alle Programme auszuschalten, damit wir uns selbst wieder anschalten können. Herunterfahren, um neu zu starten.“
(S. 31)

Die Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert und zwar schnell und vor allem laut. Dadurch wurde auch das Leben schneller und auch lauter. Die Erwartungen von außen wurden höher, man verlangt aber auch von sich selbst schneller und besser zu werden, denn das wird uns ja von überall vor die Nase geknallt – TV, Zeitungen, das Web und seine Social-Media-Kanäle, in denen wir uns rumtreiben und auch diese wurden schneller, besser und vor allem ebenso lauter.
Wir hetzen hechelnd hinterher, denn das muss doch so sein, oder? Immerhin sagen DIE es uns ja. Was dabei jedoch häufig auf der Strecke bleibt ist die Menschlichkeit und ich spreche hier nicht von Nächstenliebe, etc.
Wir sind keine Roboter oder Cyborgs die unbegrenzt voller Elan alles geben können und die dabei kein Limit kennen. Irgendwann hat jeder von uns sein Limit erreicht, doch zugeben möchte das keiner, denn immerhin darf das nicht sein. Andere schaffen es auch – die, die sich in unserer Timeline unserer Social-Media-Kanälen tummeln und mit denen man sich austauscht, wenn man gestresst von der Arbeit oder vom Leben allgemein ist. Hier möchte man sich ablenken, etwas runterkommen und was passiert? Man ist danach eventuell noch gestresster, da alle anderen es scheinbar gebacken bekommen, nur man selbst nicht.
Mit sich selbst beschäftigt sich fast niemand mehr, keiner hört mehr auf die Signale seines Körpers oder seiner Psyche, und wenn wird eben mal auf Twitter oder Facebook nachgefragt. Stille und Ruhe? Fehlanzeige. In sich hineinhören? No and never, denn dann müsste man sich ja mit sich selbst beschäftigen, so richtig meine ich und außerdem – irgendjemand wird’s sicher besser wissen.
Irgendwann kracht es dann anständig, man ist auf dem Boden, kommt nicht mehr hoch und fragt sich – WARUM?

© Pink Anemone

„Wie oft wünschen wir uns, der Tag hätte mehr Stunden. Dabei wäre das nicht die Lösung des Problems. Denn wir haben nicht zu wenig Zeit. Wir haben nur von allem anderen zu viel.“
(S. 87)

Nun gibt es diesbezüglich schon unzählige Ratgeber – Ratgeber, um sich selbst zu entschleunigen, sich selbst und die Ruhe zu fineden. Warum also dann noch einen lesen und wenn, wieso gerade diesen hier von Matt Haig?
Ganz einfach – weil es niemand auf so sympathische und humorvolle Art macht wie er und vor allem weiß er aus eigener Erfahrung von was er spricht.
Matt Haig leidet an Depressionen mit Angststörung und erzählt uns wie er es aus diesem Loch geschafft hat, bzw. immer wieder schafft.
Dieses Buch ist im Grunde auch kein richtiger Ratgeber, denn Matt Haig vollführt hier einen wahren Seelen- und Gefühls-Striptease und lässt uns Leser in seine Gedanken und vor allem seine Erkrankung blicken. Es liegt einem hier ein wahrer Erfahrungsbericht in den Händen, welcher tolle Denkanstöße und kleine, wie auch große Inputs enthält.

© Pink Anemone

Dies erfolgt in gewohnt flüssigem Schreib- und lockeren Erzählstil, der nicht nur ruhige und ernste Töne anschlägt, sondern auch Ironie und Humor beinhaltet und vor allem nicht mit erhobenem Zeigefinger herumfuchtelt (auf so etwas reagiere ich persönlich ja besonders ablehnend).
Dabei geht der Autor auf verschiedene Themen ein, welche permanent auf uns einprasseln und uns somit auch permanent beschäftigen, wie z.B. Schönheitsideale, Social Media, die täglichen Nachrichten mit ihren Horrorereignissen, Politik, unsere Bewertungskultur, natürlich auf unseren täglichen Begleiter – das Smartphone und vor allem auf die Psychosomatik.

© Pink Anemone

„>>In der Natur<<, schreibt Alice Walker, >>ist nichts perfekt und alles ist perfekt. Bäume können noch so krumm sein und seltsam geformt, aber sie sind immer schön.<<“
(S. 71)

Manchmal scheint es der Autor jedoch mit dem Aufzählen verschiedener Eindrücke, Denkanstößen und Fakten zu übertreiben. Dies erstreckt sich manchmal über ein ganzes Kapitel und auch wenn diese dann bloß zwei Seiten betragen, war es mir dann doch irgendwann zu nervig und ich habe so manches nur quer gelesen.
Das ist jedoch Meckern auf äußerst hohem Niveau.

© Pink Anemone

Fazit:
Dies ist ein wunderbares und auch humorvolles Buch wie man in dieser chaotischen Welt Reizüberflutungen entgeht, aus Depressionen, Angststörungen immer wieder herausfindet und sich wieder auf sich selbst und somit auf die Menschlichkeit besinnt. Ich bin absolut nicht der Typ für Burn-Out oder dergleichen, aber selbst mir wurden die Augen geöffnet und selbst ich habe daraus sehr viel für mich mitnehmen können.
Dieses Buch ließ mich zustimmend nicken, nachdenklich an meinem Kaffee nippen und auch schmunzeln.
Für alle die in dieser chaotischen Welt wieder zu sich selbst finden , sich ihrer Menschlichkeit wieder bewusst werden wollen und für alle die einfach nur die Ruhe suchen.

© Pink Anemone

„Schluss mit Selbstvorwürfen, weil du neben der Spur bist. Das Universum ist auch in keiner Spur. Galaxien treiben wild herum. Du bist einfach nur im Einklang mit dem Kosmos.“
(S. 302)

© Pink Anemone

☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯

Leseprobe

☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯

Weitere Bloggermeinungen
Zitat: „…ich konnte mir wieder viele kleine, aber wichtige Dinge bewusst machen,…“

☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯

Weitere Buchinformationen

Rezensionsexemplar mit herzlichem Dank an

 

  • Broschiert: 320 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (22. März 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423262281
  • ISBN-13: 978-3423262286
  • Originaltitel: „Notes on a Nervous Planet“
  • Preis: 14,90€ (Stand vom 16.06.2019)
  • Auch erhältlich als: E-Book, HB und MP3-CD
© Pink Anemone

☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯

Weitere rezensierte Werke des Autors

☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯

Autoren-Info
matt haig - dtv , Susanne Schleyer
Bildquelle: dtv-Verlag; © Susanne Schleyer

Matt Haig wurde 1975 in Sheffield geboren und hat bereits eine Reihe von Romanen und Kinderbüchern veröffentlicht, die mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet und in über 30 Sprachen übersetzt wurden.
In Deutschland bekannt wurde er mit dem Bestseller ›Ich und die Menschen‹.
Mehr unter: www.matthaig.com

☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯☯


 

 

 

 

2 Kommentare zu „Rezension „Mach mal halblang“ von Matt Haig ★★★★★

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.