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Rezension „Im Garten Numen“ von Erik R. Andara ★★★★

Wenn sich Coolness mit literarisch hochwertiger Sprachgewalt paart kann es nur aus Erik R. Andaras Feder stammen. Einfach andaraesk

Die nachtschwarzen Wege sind unergründlich

Als Simon Heymanns drogenkranke Tochter unter mysteriösen Umständen aus einer kirchlichen Therapieeinrichtung im Waldviertel verschwindet, weiß er sich nicht anders zu helfen, als selbst in das verlassene Dorf zu fahren, um dort nach ihr zu suchen. Dabei entdeckt er vergessen geglaubte Wege, die geradewegs in die Finsternis führen, und die mit seiner eigenen bewegten Vergangenheit in Verbindung stehen. Wege, von denen er gewünscht hätte, sie niemals wieder betreten zu müssen… (Klappentext)

© Pink Anemone

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„>>Nur Vertrauen führt Sie durch die Finsternis. Kommen Sie in den Garten. Kommen Sie mein Freund, kommen Sie zu uns, Sie kennen den Weg doch! Wir warten hier auf Sie, aber nehmen Sie sich dazu ruhig alle Zeit, die Sie brauchen, wir sind auch in tausend Jahren noch hier, denn wir tanzen jetzt mit den Ewigen,… <<“
(S. 114)

Simons 16-jährige Tochter Katharina ist verschwunden, doch niemand scheint sich auf die Suche nach ihr machen zu wollen, nicht einmal seine Ex-Frau. Der Grund – Katharina ist drogenabhängig und hat sich schon vor längerer Zeit von ihrer Familie abgekapselt und zu Simon hatte sie seit der Scheidung sowieso nur noch selten Kontakt.
Viele, insbesondere die Polizei, sind der Meinung Katharina sei wohl wieder rückfällig geworden und ist aus der kirchlichen Therapieeinrichtung in einem waldviertler Dorf ausgerissen. Doch Simon kommt an diesem Verschwinden etwas verdächtig und komisch vor und so reist er in dieses Dorf, um seine Tochter zu finden. Doch in diesem Dorf namens Fugenschlag stimmt etwas nicht und es liegt nicht nur an den Dörflern selbst, die sich alle seltsam benehmen, seltsamer als es eigenbrödlerische Kleindorfbewohner normalerweise tun.
Das gesamte Dorf, die Häuser, die Bewohner, ja selbst der Wald der dieses Dorf umgibt, strahlen eine düstere Atmosphäre aus, welche Simon mit sich reißt und ihn gleichzeitig mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert. Diese ist ebenso düster wie das Dorf selbst und hat nichts mit Drogen zu tun … nicht nur.

Die Story beginnt mit der Ankunft Simons in dem kleine Dorf Fugenschlag. Nach und nach entblättert sich der Grund für seinen Aufenthalt und wie alles kam, wie es kommen musste. Im Verlauf wird die Geschichte immer düsterer und beklemmender. Während einem anfangs vereinzelte Szenen eine Gänsehaut auffahren lassen, weiß man lange nicht wohin einem der Autor mit dieser Story führen will. Man muss also Geduld aufbringen, doch ab der Mitte kommt dann Fahrt in die Story. Selbst hier bleibt der Autor noch vage – Horrortrip aufgrund eines halluzinogen wirkenden Tees, Drogen oder lauert hier wirklich die Finsternis, welche Simon in ihren Garten führen möchte? Wahn oder Wirklichkeit?

© Pink Anemone

„Was, wenn Katharina Fugenschlag tatsächlich verlassen hatte, aber nicht in Richtung Stadt, sondern ganz woanders hin unterwegs war: an einen Ort, der sich noch nicht einmal in dieser Welt befand? Was, wenn sie wirklich dort drüben war?
(S. 96)

Ich verfolgte gespannt die Handlung, denn ich wollte wissen was es mit all dem auf sich hat, den Weg weiter mit Simon gehen, egal wohin mich dieser führen mag. Dabei hatte ich immer diese beklemmende Düsternis im Nacken und traute keinem der Dorfbewohner über den Weg. Die Spannung steigt, gemeinsam mit Simon ist man der Lösung nah..man spürt es…
Und dann – eine schnulzige SMS von Simons bester Freundin, die so gar nichts mit dem düsteren Drumherum zu tun hat und auch im Nachhinein wenig Sinn ergab, bzw. durchaus anders gelöst hätte werden können. Eine Sexszene kam ebenfalls wie aus dem Nichts und trug keineswegs zur Handlung bei. Sie war zwar kurz, nur einen Absatz nahm diese ein, wirkte jedoch trotzdem störend auf mich, denn dadurch brach für mich das gesamte mühsam aufgebaute Konstrukt von Düsternis, Beklemmung und Spannung in sich zusammen.
Möglich, dass dies durchaus an mir liegt, denn mit solche Szenen kann ich prinzipiell nichts anfangen und finde sie in jedem Thriller, Roman, etc. störend. Daher ist dies wohl Meckern auf hohem Niveau.
Der Schreibstil des Autors machte das jedoch wieder wett.

Bis zum Ende hin war der typische Stil des Autor, welchen ich absolut abgefahren finde, nur in kleinen Dosen erkennbar, als wolle einem der Autor auch diesbezüglich noch nicht alles offenbaren, als würde er das Beste für den Schluß aufheben.
Mit dem Fortschreiten der Story, wenn man dem Ende entgegen schreitet, wird es beklemmender, düsterer und weird und da … DA war es – das volle Ausmaß des andaraesken Stils. Diese Sprachgewalt, cool und abgefahren, literarisch und strange zugleich. Dieser Stil, der eine Atmosphäre entstehen lässt, die einen einhüllt und nicht mehr los lässt, die einen packt, durchrüttelt und einem Dinge sehen lässt und einem am Ende der Story ausspuckt und atemlos zurück lässt.

© Pink Anemone

„Bei Nacht wurde er wieder vom lauten Klirren der Fensterscheiben geweckt. Die Erde bebte und die Finsternis umschloss ihn wie eine Faust – jederzeit bereit zuzuschlagen.“
(S. 77)

Das Ende, typisch für das Subgenre Weird/Strange-Fiction, bleibt offen und verstärkt dadurch die Düsternis, welche noch lange nachhallt und sich nicht so einfach vertreiben lässt. Happy End … nicht unbedingt, auch nicht perfekt aber passend.

Fazit:
Von Erik R. Andara habe ich schon einige Kurzgeschichten gelesen und dies mit Begeisterung.
Er hat einen völlig neuen literarischen Stil erschaffen, der einem regelrecht das Atmen vergessen und sich nur noch auf das Beklemmende und die damit einhergehende Atmosphäre konzentrieren lässt. Eine Sprachgewalt die cool, abgefahren und literarisch hochwertig zugleich ist. Kurz – andaraesk.
Dieses Buch ist sein Debütroman und dieser Stil ist zwar anfangs durchaus erkennbar, im Verlauf der Story auch zunehmend spürbar, doch erst zum Ende hin entfaltet sich dieser vollständig.
Das Ende ist abgefahren, war aber selbst für einen Weird Fiction-Roman zu offen und ließ mich zumindest einen kleinen Abschluß vermissen.
Strange ist die Story allemal und fern des 08/15-Einheitsbreis, den man überall nachgeschmissen bekommt. Daher freue ich mich schon jetzt auf weitere Werke des Autors, welcher es immer wieder schafft mich mit seinem Stil und seinen Storys zu packen, einen Blick in den Nebel der Anderswelt werfen zu lassen und das auf sehr düstere und beklemmende Art und Weise.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe

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Weitere Bloggermeinungen
Kerstin: „Ein turbulenter Ausflug in die Welt der „Weird Fiction“

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Weitere Buchinformationen
© Pink Anemone
  • Taschenbuch: 236 Seiten
  • Verlag: Nighttrain; Signierte und limitierte Erstauflage von 150 Stück; Erstausgabe Mai 2019

Eine weitere Veröffentlichung ist Anfang nächsten Jahres geplant. Falls noch Kontingent vorhanden, dann kann man dieses Buch mit Anfrage per Mail an luxfactum(a)hotmail.com beziehen.

Mit Link zu Verlags-Shop

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Autoren-Interview
© pixabay & Pink Anemone

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Autoren-Info
© by Heidi Breuer
Erik R. Andara wurde 1977 in der Nähe des Dunkelsteinerwalds in Österreich geboren und wuchs dort zurückgezogen in einer kleinen Klause am Waldrand auf. Er widmete sich unmittelbar nach seiner Ankunft auf der Erde dem Lesen und Erzählen von Geschichten. Als er überrascht feststellen musste, dass diese Realität auch nach dem Übertritt ins neue Jahrtausend fortbestehen sollte, ging er nach Wien, um von dort aus seine Suche auszuweiten und aus allen Ecken und Enden des Multiversums weiteres Material für seine Geschichten zusammenzutragen. Heutzutage widmet er sich vor allem dunkler Phantastik.
Zuletzt erschienen seine Geschichten und Illustrationen in Ausgaben des Visionariums und des IF- Zeitschrift für angewandte Fantastik. Seine erste Geschichtensammlung erschien im Februar 2018 unter dem Titel „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“ und im Herbst 2018 seine Novelle „Hinaus durch die zweite Tür“, beides im Whitetrain-Verlag. Sein Debütroman „Im Garten Numen“ erschien im Mai 2019.

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10 Kommentare zu „Rezension „Im Garten Numen“ von Erik R. Andara ★★★★

  1. Hallo Conny,
    die Düsternis konnte man meiner Meinung nach auch gut schon in deiner Rezension entdecken und ist genau nach meinem Geschmack. 😀
    Was mich jetzt allerdings ein bisschen abgeschreckt hat, ist das sehr offene Ende. Ich mag es wenn nicht alles aufgelöst wird, aber wenn es extrem offen ist, ich weiß nicht. Einen kleinen Abschluss muss man doch finden?!
    Ansonsten sehr schöne Rezension!
    Liebe Grüße
    Diana

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Diana,
      naja, gerade in den Subgenres Weird/Strange-Fiction und in der Phantastik sind offene Enden nicht selten und zeichnen diese Genres in gewisser Weise sogar aus. Bei „Im Garten Numen“ trieb mich dann die Neugierde aber doch um und ich hätte gern mehr Infos zu gewissen Figuren gehabt, bzw. was nun wirklich hinter und in innen steckt. Das ist nun schwer zu erklären ohne zu spoilern.
      Liebe Grüße
      Conny

      Gefällt 1 Person

      1. Ich für mich persönlich habe das Ende eigentlich als gar nicht so offen empfunden, also zumindest die Reise des Protagonisten hatte ich gehofft, mehr oder weniger zu Ende erzählt zu haben. Auch ich kann jetzt nicht näher darauf eingehen ohne zu spoilern. Aber ja, es ist kein klassisches Ende in dem Sinn, weil der … hmhmhmhm … halt einen Kreis bildet.

        Gefällt 2 Personen

        1. Hallo Erik, die Reise unseres Protagonisten ist ja im Grunde auch abschlossen und passt ja auch zu der Story. Ich habe mich da nur gefragt was denn nun mit der Tochter und dem Stiefvater ist, der da ja anscheinend mitdrinhängt. Das war dann schon so ein kleiner Cliffhanger, als würde da ev. noch etwas nachkommen. Aber wer weiß, vielleicht gibt es dazu ja mal einen 2. Teil *g*.

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    1. Vielen, vielen dank, dass ich Deinen Debütroman lesen habe dürfen und auch noch mit soo tollen Lesezeichen. Das wird alles einmal als Bilder in meinem Lesezimmer zu finden sein. In der Mitte das Cover, rundherum die Lesezeichen aufgeklägt und naütlich Deine Unterschrift. Bin gespannt wieviele Autoren ich dazu nötigen kann *g*
      Es war auf jeden Fall wieder eine abgefahrene Reise ins Ungewisse mit Dir und hat toll funktioniert. :-*

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  2. Was ich vor allem dazu sagen kann ist, dass meine Bücher alle am Schluss eine konistente Welt schaffen sollen, und mit großer Wahrscheinlichkeit auch die eine oder andere Figur zu späterem Zeitpunkt wieder aufgegriffen wird. Insofern kann es schon sein, dass vor allem Severin Finkenstein und Monika wieder irgendwo auftreten. Vielleicht sogar Sabine.

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    1. Ahhh, ok. Also wie es auch Lovecraft, King und Robert E. Howard gemacht haben. Bei deren Storys trifft man ja auch immer auf Protagonisten und Orte vorheriger Werke. Das finde ich schon wieder genial. Gerade bei Finkenstein und Monika habe ich den Abschluss vermisst.
      Vielen Dank für die Info.

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      1. Genau, also ich sehe mich schon auch als Mythos-Schreiber. in meinem nächsten Roman etwa wird der abgelegte Victor Neithardt aus Nachtspiel und Morgengrauen auftreten. Wie gesagt, Finkenstein, Monika und eventuell Sabine sind noch da draußen, und werden vorbeischauen. Katharina eher nicht.

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