Klassiker · Rezensionen

Rezension „Die Insel des Dr. Moreau“ von H.G. Wells ★★★★★

Ein herrlich schaurig-spannender Klassiker, der die medizinische Forschung der damaligen Zeit skeptisch betrachtet

Dr. Frankenstein auf einer tropischen Insel

»Die Insel des Dr. Moreau« von H.G. Wells, einer seiner ersten Ausflüge in das Science Fiction Genre, handelt von einem wahnsinnigen, auf chirurgische Eingriffe spezialisierten Vivisezierer, der in seiner Forschungsstätte auf einer abgelegenen Insel grauenhafte Experimente durchführt, bei dem Versuch Tiere in Menschen zu verwandeln, mit abscheulichen Ergebnissen. Es ist eine der frühesten und unheilvollsten Darstellungen wissenschaftlichen Strebens die ursprüngliche Welt zu kontrollieren und zu beeinflussen, und letztendlich auch das menschliche Wesen. Die ethischen Fragen, die Wells in seinem Roman aufwirft, sind beinahe ein Jahrhundert vor Beginn der biomechanischen Wissenschaft entstanden und nehmen stetig an Bedeutung zu, da der genetischen Manipulation ein stetig wachsender Stellenwert in der heutigen Zeit zugesprochen wird.
Seit der Erstveröffentlichung im Jahr 1896 hat »Die Insel des Dr. Moreau« Generationen von Lesern fasziniert und mit Abscheu erfüllt…(Klappentext)

© Pink Anemone

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„SEIN ist das Haus des Schmerzes.
SEIN ist die Hand, die erschafft.
SEIN ist die Hand, die verletzt.
SEIN ist die Hand, die heilt.“
(S. 83)

Erzählt wird hier aus der Sicht von Edward Prendick. Dieser befand sich auf Reisen und auf dem Schiff „Lady Vain“. Dieses versank nach einer Kollision mit einem treibenden Wrack und fast ein Jahr lang bestand der Verdacht, dass alle Passagiere und die gesamte Besatzung dabei ertranken. Doch Prendick überlebte, da er von dem Schiff „Ipecacuanha“ gerettet wurde. Dies scheint jedoch keineswegs Glück gewesen zu sein, denn aufgrund seiner Rettung sah und erlebte er grauenhafte Dinge, die einem die Haare zu Berge stehen lassen.
Alles begann bereits auf der „Ipecacuanha“, denn auf ihr befand sich eine seltsame Fracht und ein noch seltsamerer Doktor. Doch wenn es nur das gewesen wäre. Dieser Doktor namens Montgomery ist auf dem Weg zu seiner eigenen Insel – er und diese seltsame Fracht. Die seltsame Fracht sind Tiere aller Art und der Diener Montgomerys ist eine sehr auffällige und vor allem gruselige Erscheinung. Was Montgomery mit dieser Fracht vorhat ist Prendick unklar, doch ihm ist klar, dass mit dem Doktor irgendetwas nicht stimmt.
Der Kapitän will nach einem Streit Prendick nicht mehr weiter auf seinem Schiff haben und so gelangt er gemeinsam mit dem Doktor auf dessen Insel. Abgesehen davon, dass sich hier ein weiterer Doktor befindet, genauso seltsam wie Montgomery, scheinen sich auf dieser Insel einige Kreaturen zu tummeln und bald wünscht er sich, er wäre mit der „Lady Vain“ ertrunken.

Wie so mancher Klassiker des späten 19. Jahrhunderts ist auch dieser in Form einer Niederschrift geschrieben, welche auf eine Erzählung beruht – quasi eine Erzählung einer Erzählung. Dies diente vor allem bei Gothic Novels dazu, die Storys realistisch erscheinen und somit unheimlicher erscheinen zu lassen.

„Mir fielen vor alem die merkwürdigen Beinbewegungen der drei verhüllten und bandagierten Matrosen auf – sie waren nicht steif, sondern irgendwie seltsam verdreht, als ob ihre Gelenke an den falschen Stellen säßen.“
(S. 39)

Dieser Literaturklassiker, welcher 1896 veröffentlicht wurde, liest sich überraschend flüssig und angenehm, wenn nicht sogar relativ modern. Aufgrund dessen huscht man nur so durch die Seiten, was jedoch auch an der Story selbst liegt.
Obwohl nicht so nervenaufreibend wie ein zeitgenössischer Horrorschocker, kommt durchaus ein beklemmendes Gefühl während des Lesens auf. Dies liegt wiederum an der Thematik der Story – Forschung an lebenden Objekten mit fürchterlicher Auswirkung.
Hier wird natürlich alles eher umschrieben und nie direkt beim Namen genannt, doch trotzdem schafft es der Autor Bilder im Kopf und Gänsehaut auf dem gesamten Körper zu erzeugen. Man hört die Schmerzensschreie, sieht wie das dunkle Blut im Hinterhof abrinnt und die deformierten Körper der Gestalten vor seinen Augen – halb Mensch, halb Tier. Man fragt sich dabei ständig welcher Teil hier überwiegt – der menschliche oder der animalische Anteil.

© Pink Anemone

„Sie mögen einst Tiere gewesen sein, doch ich hatte nie zuvor ein Tier gesehen, das zu denken versuchte.“
(S. 97)

H.G. Wells erschafft also ebenso eine gewisse Grundspannung, als auch dichte Atmosphäre.
Die Beschreibungen des Settings kommen hierbei auch nicht zu kurz und entführt einen als Leser auf eine tropische Vulkaninsel mit Sandstrand, Schluchten, dichter Vegetation und Flüssen wie kochendes Wasser, während man von schwefelhaltigem Nebel umgeben ist.

Hier prangert Wells den reißenden Fortschritt auf dem Gebiet der medizinischen Forschung an. Im Hinterkopf taucht daher während des Lesens unweigerlich die Frage auf, wieso man so manche Experimente im Namen der Forschung betreibt, obwohl das Ergebnis für nichts zu gebrauchen ist und niemandem hilft. Dies alles nur weil es möglich ist, weil man es kann.

„War es möglich, dass hier so etwas wie eine Vivisektion an Menschen praktiziert wurde? Die Frage durchzuckte mich wie ein Blitz, der über einen stürmischen Himmel jagt, und plötzlich verdichtete sich das düstere Entsetzen in meinem Verstand zu einer lebhaften Erkenntnis meiner eigenen Gefahr.“
(S. 71)

Zur Übersetzung selbst kann ich leider nichts sagen, da ich das Original nicht kenne.

Fazit:
Herrlich, beklemmend und gruselig zugleich, wobei dieser Klassiker nichts an Aktualität verloren hat.
Hier wird von Wells die medizinische Forschung äußerst skeptisch betrachtet. Dies kann man durchauch auch in die heutige Zeit transportierten, in der weiterhin fröhlich an Tieren herumexperimentiert wird und die Klonforschung mehr heimlich als offiziell betrieben wird.
Abgesehen davon ist es ein schaurig-spannender Roman, der mich begeistert zurück ließ. Ein Wells eben, der damals seiner Zeit schon weit voraus war.
Zur Übersetzung selbst kann ich leider nichts sagen, da ich das Original nicht kenne.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe (andere Ausgabe)

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Weitere Buchinformationen

 

  • Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
  • Verlag: Nikol (5. Oktober 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3868203931
  • ISBN-13: 978-3868203936
  • Originaltitel: „The Island of Dr. Moreau“
  • Übersetzer: Ailin Konrad
  • Preis: 6,95€ (Stand vom 30.07.2019)
  • Auch erhältlich als: E-Book
© Pink Anemone

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Autoren-Info
Bildquelle: Wikipedia

H(erbert) G(eorge) Wells wurde am 21.9.1866 in Bromley/Kent geboren und starb am 13.8.1946 in London. Nach einer Kaufmannslehre absolvierte er ein naturwissenschaftliches Studium mit Prädikatsexamen; nach nur wenigen Jahren als Dozent lebte er als freier Schriftsteller. Sein Gesamtwerk umfaßt etwa hundert Bände. Zu Weltruhm gelangte er mit seinen Romanen und Erzählungen, die ihn als Begründer der modernen Science-fiction, als genialen phantastischen Utopisten und als kritisch-humorvollen Gesellschaftssatiriker ausweisen. (Quelle: dtv-Verlag)

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2 Kommentare zu „Rezension „Die Insel des Dr. Moreau“ von H.G. Wells ★★★★★

  1. Guten Morgen!
    Diesen Klassiker habe ich vor sehr langer Zeit gelesen und erinnere mich nich sehr gut an dieses überaus beklemmende Gefühl, dass mich dabei überkam. Die Vorstellung dieser Experimente ist abartig und man möchte froh sein, dass sie bei allem Menschenwahn bisher nicht Realität geworden sind.

    Hab einen schönen Mittwoch! 🙂
    Gabriela

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Gabriela,
      Es war wirklich beklemmend zu lesen. Die medizinische Forschung hatte im 19. Jahrhundert ja einen massiven Aufschwung und da kann ich mir schon vorstellen, dass es das ein oder andere Gerücht gab und die Menschen dem auch skeptisch gegenüber standen. Ich will ehrlich gesagt gar nicht so genau wissen was in der heutigen medizinische Forschung hinter verschlossenen Türen geschieht 😬

      Gefällt 1 Person

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