Rezensionen · Romane

Rezension „Dunkelsommer“ von Stina Jackson ★★★★★

Melancholischer Spannungsroman, welcher Schwedens Wälder noch nie so düster und bedrohlich erscheinen ließ

Bedrohliche Miternachtssonne

Drei Jahre ist es her, dass Lelles Tochter in einem abgelegenen Teil Nordschwedens spurlos verschwand. Seither fährt er jeden Sommer im düsteren Licht der Mitternachtssonne die Straße ab, an der Lina zuletzt gesehen wurde. Nacht für Nacht sucht er verzweifelt nach seiner Tochter, nach sich selbst und nach Erlösung. Dann kommt eines Tages die siebzehnjährige Meja in der Hoffnung auf einen Neuanfang in Norrland an. Doch als sich die Dunkelheit des aufkommenden Herbstes über das Land legt, verschwindet ein weiteres Mädchen. Und Lelles und Mejas Leben werden durch dramatische Ereignisse miteinander verbunden, die sie nie wieder loslassen werden … (Klappentext)

© Pink Anemone

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„Die Mitternachtssonne würde die Menschen aus ihren Höhlen jagen und sie mit Sehnsucht erfüllen. Sie würden lachen und sich lieben und verrückt werden und sich Gewalt antun. Manche würden vielleicht sogar verschwinden.“
(S. 9)

Norrland im Norden Schwedens besteht fast nur aus dichtem, dunklen Wald und irgendwo dort versteckt sich das Dorf Glimmersträsk.
Im Sommer, wenn die Sonne niemals untergeht, fährt ein Vater in der Mitternachtssonne eine einsame vom Wald umgebene Straße entlang. Jede Nacht, bis es Herbst wird und die Nächte wieder dunkel werden. Jede Nacht, und das seit drei Jahren. Er heißt Lelle und seine Tochter verschwand vor drei Jahren spurlos, nachdem er sie an der Bushaltestelle auf dieser Straße mitten im Wald absetzte. Immer wenn er diese Straße entlang fährt ist Lina, seine Tochter, bei ihm auf dem Beifahrersitz und er unterhält sich mit ihr, als wäre sie noch hier und nicht verschwunden. Ihn plagen Schuldgefühle und Trauer, doch er fühlt noch etwas … Hoffnung. Hoffnung seine Tochter Lina irgendwann wiederzufinden. Solange er diesen Funken Hoffnung spürt, wird er weiterhin nach ihr suchen. Immer, wenn die Mitternachtssonne scheint.

Meja, ein 17-jähriges Mädchen zieht mit ihrer Mutter zu deren neuen Freund. Wieder ein Umzug und wieder ein Neuer für ihre Mutter. Diesmal verschlägt es sie nach Glimmersträsk und somit in die Pampa, wo man außer dichten Wald nichts vor Augen hat. Meja hasst es dort und sie hasst ihre Mutter, die immer nur an sich und ihre Lover denkt. Eine normale Kindheit kennt sie nicht, ein Zuhause hat sie nie gehabt. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als eine Familie und ein geborgenes Zuhause und als sie Carl-Johan trifft scheint ihr Wunsch endlich in Erfüllung zu gehen.
Und dann verschwindet plötzlich ein Mädchen.

„Ihr Herz machte ein furchtbares Theater, obwohl sie gar nicht wusste, wovor sie am meisten Angst hatte, vor den Schatten zwischen den Bäumen oder vor den wilden Tieren im Wald oder vielleicht einfach vor der Einsamkeit.“
(S. 44)

Hier begleitet man zwei Handlungsstränge aus der Perspektive der jeweiligen Figur.
Lelle sucht seine Tochter und wir fahren mit ihm die Straße entlang, erkunden den dichten Wald, verfallene Höfe und gehen vermeintlichen Spuren nach. Lelle ist schwer gezeichnet, doch niemals gibt er auf. Im Grunde lebt er nur für die Suche nach Lina.
Meja hat ebenso zu kämpfen, jedoch auf eine andere Art und Weise. Eine psychisch labile Mutter, welche gerne mal ihre Psychopharmaka absetzt, immer nur an sich denkt und sich an ihre Tochter klammert und alle Verantwortung auf Meja überträgt, als wäre nicht sie die Mutter, sondern das junge Mädchen. Als LeserInnen sind wir dabei als Meja schon fast aufgegeben hat und schließlich Hoffnung schöpft als sie den charismatischen Jungen Carl-Johan trifft.
Zwei Suchende, zwei Hoffende und zwei mit einem großen Ziel vor Augen, doch die Hoffnung zerspringt und das große Ziel zerbricht als wieder ein Mädchen verschwindet.

© Pink Anemone

„Lelle startete den Motor, fuhr los und ließ die verlassene Bushaltestelle hinter sich. Drei Jahre war es her, dass sie ihm hinterhergesehen und gelächelt hatte. Drei Jahre war es her, und er war auch heute noch der Letzte, der sie lebend gesehen hatte.“
(S. 21)

Der Schreibstil ist flüssig und enthält eine unglaubliche Sprachgewalt. Hier trifft nordische Melancholie auf Beklemmung und bedrohliche Spannung und so tritt man ein in Schwedens dichte Wälder, erlebt die Mitternachtssonne und dies auf sehr düstere Art und Weise.
Beide Perspektiven sind von Trauer aber auch von Hoffnung geprägt. Auf eindringliche Weise schafft es die Autorin die Gefühle der Protagonisten auf den Leser zu übertragen – man fühlt was sie fühlen und man wird ebenso zu einem/einer Suchenden und Getriebenen.

Dieser Spannungsroman besticht aber auch durch die unglaublich atmosphärischen Naturbeschreibungen, welche Schwedens idyllische Dörfer und die Dichte und Weite der grünen Wälder noch nie so bedrohlich erscheinen ließen. Man spürt die Beklemmung auf jeder einzelnen Seite und trotzdem, bzw. gerade deswegen, reißt einem die Geschichte regelrecht mit. Man spürt, es ist etwas nicht in Ordnung, die Bedrohung ist ganz nah und trotzdem ist sie lange nicht greifbar … bis man beim letzten Drittel des Romans angekommen ist und die Story durch einen dritten Handlungsstrang erweitert wird. Die Spannung steigt, die Bedrohung steht nun vor einem und die Neugierde ist entfacht.
Gegen Ende hatte ich bezüglich des Täters zwar eine Vermutung, doch die Auflösung hielt trotzdem eine überraschende Wendung bereit.

© Pink Anemone

„Das Gefühl, gleichzeitig vor Angst zu zittern und sich nach ihm zu sehnen, verwirrte sie. Und sie erkannte, dass die Angst, alleine hier unten zu verrotten, größer war als die Angst vor ihm.“
(S. 248)

Fazit:
Dieser Spannungsroman hat mich von der ersten Seite an mitgerissen. Trotz dieser Düsternis und Beklemmung, welche mich während des Lesens umgab, wollte ich daraus nicht mehr auftauchen. Ich wollte bei den Protagonisten bleiben, um ihnen beizustehen, mit ihnen die Bedrohung finden und aus der Welt schaffen.
So richtig spannend wird es jedoch erst im letzten Drittel des Buches und da war es für mich sowieso schon ein Ding der Unmöglichkeit dieses Buch zur Seite zu legen. Da schlägt die Melancholie nämlich in das Gefühl von Gefahr um, welches einem bis zur Auflösung nicht mehr loslässt.
Kaum zu glauben, dass dieser sprachgewaltige und atmosphärischer Spannungsroman ein Debüt ist. Diese Autorin bleibt somit definitv auf meinem Radar.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe

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Weitere Bloggermeinungen

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Weitere Buchinformationen

Rezensionsexemplar mit herzlichem Dank an:

 

  • Broschiert: 352 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (22. Juli 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • Originaltitel: „Silvervägen“
  • ISBN-10: 3442205786
  • ISBN-13: 978-344220578
  • Preis: 15,00€ (Stand vom 05.08.2019)
  • Auch erhältlich als: E-Book, HB und MP3-CD
© Pink Anemone

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Autoren-Info
© Stefan Tell

Stina Jackson stammt aus Skellefteå in Nordschweden. Vor mehr als einem Jahrzehnt zog sie nach Denver, Colorado. Hier schrieb sie auch ihren Debütroman »Dunkelsommer», mit dem sie sich sofort als aufstrebender neuer Stern am Himmel der nordischen Spannung etablierte. (Quelle: Randomhouse)

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4 Kommentare zu „Rezension „Dunkelsommer“ von Stina Jackson ★★★★★

  1. Hier, Hasischatzipupsi, was sagst da zu mir: Wär das was für mich? Ich hadere ja mit mir. Bin neugierig und weiß nicht, ob diese nordische Melancholie was für mich ist. Denn genau DIE hat mich schon oft bei skandinavischen Büchern in den Wahnsinn getrieben 😛

    Gefällt 1 Person

    1. Eben deswegen würde ich eher sagen „Nein“. Man spürt zwar die Beklemmung und Düsternis von Anfang an, aber so richtrig los geht es erst im letzten Drittel. Bis dahin würdest Du wohl das Buch in die Ecke pfeffern XD.
      Aber dafür habe ich ja etwas bei Dir gefunden. Das gleicht sich doch wieder bissl aus *g*
      Busserl an meinen Sonnenschein *g*

      Liken

  2. Also mir gefiel der Spannungsroman nicht wirklich. In der MItte gab es furchtbare Längen und den Täter habe ich sehr schnell erkannt.
    Einzig die atmosphärischen beschreibungen waren wirklich toll…dazu muss ich aber keinen Spannungsroman/Krimi/Thriller lesen….da genügt auch ein Reisebericht.
    Liebe Grüße
    Martina

    Gefällt 1 Person

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