Fantasy / Horror / Sci-Fi · Rezensionen

Rezension „Kindsräuber“ von Nora Bendzko ★★★★★

Eine Rumpelstilzchen-Adaption mit herrlich düsterer Atmosphäre, undurchsichtigen Figuren und einer unglaublichen Wendung am Ende.

Ach, wie gut, dass niemand weiß…

Prag, 1620: Krieg, Hunger und ein Geist mit dem Namen »Rumpelstilzchen« suchen die Stadt heim. Wo immer er erscheint, verschwindet ein Kind.
Alene, die die Gabe besitzt, die Geister der Toten zu sehen, ist ihm bereits vor einem Jahr begegnet. Nun ist sie selbst schwanger. Gequält von der Angst, ihr Kind verlieren zu können, schlägt sie sich im zerrütteten Prag durch. Aber sie scheint nur ein Spielball höherer Mächte zu sein: Wieso tritt ihr lang verlorener Kindheitsfreund Patrik Emil wieder in ihr Leben? Warum will er sie zum König von Prag bringen? Alene muss nach Antworten suchen … doch ihr bleiben nur drei Tage. Denn Rumpelstilzchen hat ihren Tod prophezeit.
Eine dunkelfantastische Thriller-Adaption zur Zeit des 30-jährigen Krieges, angelehnt an das bekannte Märchen der Brüder Grimm: »Rumpelstilzchen«… (Klappentext)

© Pink Anemone

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„>>Dir bleiben drei Tage. Drei Tage, in denen du herausfinden musst, was sich hinter dem Kindsdieb verbirgt. Schaffst du das nicht, wird dein Kind nicht nur gestohlen: Es wird sterben, und du mit ihm…<<“
(S. 218)

Prag anno 1620 und der 30-jährige Krieg hat gerade begonnen. In dieser zerrütteten Welt schlägt sich Alene als Spinnerin und Strohbinderin durch, um sich und ihren kranken Vater zu ernähren.
Alene ist auch im Besitz einer besonderen Gabe – sie kann die Geister von Verstorbenen sehen und so sieht sie auch immer diesen gruselig aussehenden Jungen, der immer ein Liedchen singt. Jedes Mal, wenn er auftaucht, verschwindet in Prag ein Kind. Als ob das nicht alles schon schlimm genug wäre, wird Alene mit ihren sechzehn Jahren auch noch schwanger.
Armut, Hunger und Sorgen zerren an ihr, als plötzlich ein Freund aus Kindheitstagen wieder in ihr Leben tritt. Dieser eröffnet ihr ein Angebot, welches persönlich vom Königspaar an sie gerichtet ist und alles verändert. Alles, bis auf die Angst vor Rumpelstilzchen, denn dem ist sie nun näher als ihr lieb ist. Doch so leicht lässt sich Alene nicht unterkriegen. Sie will nun endlich wissen, wer oder was hinter diesem Rumpelstilzchen steckt.

© Pink Anemone

Jeder kennt das Märchen „Rumpelstilzchen“ von den Gebrüdern Grimm und auch in diesem Buch gibt es eine schöne Spinnerin, einen König und eben das Rumpelstilzchen. Man erkennt das Märchen auch durchaus wieder und doch hat die Autorin etwas gänzlich Neues erschaffen und das nicht nur die Storyline und die Charakterzüge der Figuren betreffend.

„Völlig steif stand sie da, mit aufgerissenen Augen hinter den Gärtner starrend, auf das, was nur sie sehen konnte. Es drang vor Matyas aus der Burgwand: Verdrehte Arme und ein schlanker Körper in einem Kleid, das von durchgestoßenen Knochen zerfetzt war – als würde etwas von innen die Knochen nach außen drücken.“
(S. 156)

Bei den Galgenmärchen dieser Autorin ist manches nie wie es anfangs erscheint, vor allem was die Figuren betrifft. Bei ihr werden die Märchen und deren Figuren durchgeschüttelt, umgestülpt und neu zusammengesetzt und das auf herrlich düstere und grausame Art und Weise.
Mit dieser Märchenadaption hat mich Nora Bendzko jedoch völlig aus den Socken gerrissen, so unglaublich düster, spannend und faszinierend zugleich kommt „Kindsräuber“ daher.
Es eröffnet sich hier einem nämlich ein absolut fesselnder Märchen-Thriller mit Gänsehauteffekt. Dies alles eingebettet in eine unglaubliche Atmosphäre, welche das historische Setting ebenso betrifft, wie auch die Grundstimmung. All das umgibt einen, sobald man die erste Seite gelesen hat und endet erst mit der letzten Seite und dem Zuschlagen des Buches.

© Pink Anemone

„Alene sagte nichts dazu. Stumm sah sie auf den langen Schatten, den der forteilende Prinz warf, sowie ein Stückchen Sonne durch die Sturmwolken bracht; ein Schatten so dunkel wie das Schweigen, das die verschwundenen Kinder umgab.“
(S. 152)

Der Schreibstil ist flüssig, klar und so manche Settingbeschreibung nahezu lyrisch.
Die Figuren sind durchwegs authentisch gezeichnet, wobei man bei manchen nicht so wirklich weiß woran man ist und die bis zum Ende undurchsichtig bleiben.
Die Story selbst ist fesselnd, spannend und, wie schon erwähnt, düster und beklemmend, wobei sich einem manchmal durchaus die Nackenhaare aufstellen. Das Ende hält eine unglaubliche Wendung bezüglich Story und auch der ein oder anderen Figur bereit.

© Pink Anemone

Fazit:
Kennt Ihr das Gefühl, wenn das Ende eines Buches naht, Ihr nicht wollt, dass es endet und Ihr deshalb plötzlich langsamer liest, um das Ende hinauszuzögern? Für manche sind das Wohlfühlbücher, für mich war es dieses düstere Galgenmärchen. Die Protagonistin würde noch Stoff für so einige Bücher hergeben, was vor allem an ihrer Gabe liegt.
Ich war schon von Bendzkos „Bärenbrut“ und „Wolfssucht“ begeistert, doch mit „Kindsräuber“ hat sie einen großen schriftstellerischen Schritt gemacht und das erkennt man auf jeder Seite. Zum Glück habe ich noch ein ungelesenes Galgenmärchen dieser Autorin im Regal stehen, welches ich mir wohl demnächst gönnen werde.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leserprobe

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Galgenmärchen-Reihe
  1. „Wolfssucht“
  2. „Kindsräuber“
  3. „Bärenbrut“ = Prequel zu Teil 1
  4. „Hexensold“

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Weitere Buchinformationen

 

  • Taschenbuch: 330 Seiten
  • Verlag: epubli; Auflage: 18 (2. März 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 9783741897238
  • ISBN-13: 978-3741897238
  • Preis: 9,99€ (Stand vom 10.12.219)
  • Auch erhältlich als: E-Book
© Pink Anemone

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Autoren-Info
Nora Bendzko
© Amazon

»Man braucht die Dunkelheit, um stärker leuchten zu können.« – dieses Motto begleitet Nora Bendzko sowohl durch ihre Geschichten als auch durch ihr Leben.

Geschrieben hat die 1994 geborene Münchnerin von Kindheit an, meist fantastische Texte. Einmal begonnen, hat das Schreiben sie nicht mehr losgelassen. Der Wunsch, Literatur zu einem festen Bestandteil ihres Lebens zu machen, brachte sie nach Wien, wo sie seither die Deutsche Philologie studiert.

Neben dem Studium arbeitet sie als Lektorin, unter anderem für den Dead Soft Verlag, und moderiert im Rindlerwahn-Autorenforum. Wenn sie sich nicht mit dem Schreiben beschäftigt, singt sie leidenschaftlich. Beide Passionen darf sie in der Progressive-Metal-Band »Avem« und der Heavy-Metal-Band »Nightmarcher« ausleben.

Nach der Veröffentlichung von mehreren Kurzgeschichten war ihr nach etwas größerem: Mit den »Galgenmärchen« verwirklicht sie ihre ganz eigene Selfpublishing-Reihe. Der erste Band, die Novelle »Wolfssucht«, gelangte in die Top 5 vom Deutschen Phantastik Preis 2017 in der Kategorie »Beste deutschsprachige Kurzgeschichte«. Aktuell ist der zweite Band der Reihe, der Roman »Kindsräuber«, für den Seraph Phantastik Preis 2018 als »Bester Independent Titel« nominiert.

Merchandise-Artikel, Leseproben, sowie auch Hörproben erhält Ihr auf Noras Blog -> HIER

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