Fantasy / Horror / Sci-Fi · Gamebooks · Rezensionen

Rezension „Somorra – Stadt der Lügen“ von Christian & Florian Sussner ★★★★

Gamebook-Dystopie mit toller Noir-Atmosphäre und starker Protagonistin

Zusammengestellt von © Pink Anemone

Der Weg der Hölle führt nur mitten durch die Hölle

SOMORRA – in dieser düsteren Stadt zerplatzen Träume wie Seifenblasen, Lüge und Verrat überdecken die Stadt wie dichter Rauch und der Tod holt sich täglich neue Seelen.
Nur die Wenigsten wagen es, sich dem Übel in den Weg zu stellen. Für ihren Mut zahlen sie einen hohen Preis …
In diesem interaktiven Roman schlüpfst du in die Rolle einer jungen Polizistin, die einen nahezu hoffnungslosen Kampf für Gerechtigkeit führt.
Deine Gegner nehmen dir alles: deine Familie, dein Ansehen, deinen Posten, sogar deinen Geist wollen sie brechen. Doch ein dunkles Geheimnis regt sich – ein Wesen aus den Alpträumen Somorras will nicht, dass du untergehst … (Klappentext)

© Pink Anemone

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„Wie beschreibt man ein Stadtviertel, in dem sich die Skrupellosigkeit der Vergangenheit mit der Korruption der Gegenwart zur strahlenden Zukunft des Verbrechens vereinen? Wie beschreibt man ein Stadtviertel, in dem der Mörtel der Wände mit Blut angerührt, die Wände der Häuser mit Gold tapeziert und die Häuser mit Schindeln aus Wahnsinn gedeckt sind?“
(S. 418)

Ich liebe Gamebooks und habe schon einige durchgedaddelt. Bisher jedoch nur solche aus dem Fantasy- und Sword & Sorcery-Bereich. Dieses war sozusagen mein erstes dystopisches Urban-Fantasy-Gamebook und auch mein erstes, bei dem man in eine weibliche Hauptrolle schlüpft.

© Pink Anemone

Hier befindet man sich in einer dystopischen Welt im Jahre 158 n. S., genauer gesagt in der Stadt Somorra. Diese ist in vier Vierteln aufgeteilt, ist von Düsternis geprägt und wird von drei Bevölkerungsgruppen bewohnt.  Eine davon werden die „Denkwürdigen“ genannt. Hybriden, welche zwar Menschen jedoch auf mehr oder weniger grauenhafte Art verändert sind.
Somorra ist ein Überwachungsstaat und es herrschen Diktatur, Korruption und Skrupellosigkeit. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist gewaltig und das organisierte Verbrechen hat Hochkonjunktur.
Es vergeht kein Tag, an dem nicht jeamnd ermordet wird oder spurlos verschwindet.
Dies ist Somorra und in dieser Stadt muss man sich durchkämpfen – vor allem, wenn man zu den Guten gehört.

© Pink Anemone

Man schlüpft in die Rolle einer 24-jährigen Polizistin und man ist in Somorra aufgewachsen. Trotz diverser Schicksalsschläge hat man sich den Idealismus bewahrt, kämpft gegen Hoffnungslosigkeit und für die Gerechtigkeit.
In einer Stadt wie Somorra ist dies alles andere als ein einfaches Unterfangen und man steht immer mit einem Bein in seinem eigenen Grab, ist nie weit davon entfernt in dieses zu fallen oder in der Versenkung zu verschwinden, was meist ein und dasselbe ist.

Zu Beginn sollte man sich auf jeden Fall durch die Stadtbeschreibungen und den Anhang lesen, welche interessante Informationen zur Geschichte, Politik und Volkssagen dieser Stadt enthält. Dies stimmt einen auf wunderbare Weise auf die ganz eigene Atmosphäre ein, welche Somorra umgibt. Danach kam bei mir der Steckbrief über „mich“ dran, der einem sehr gut nahe bringt, in welche Rolle man schlüpft.

Die Regeln sind denkbar einfach und schnell verinnerlicht. Hier kann man auch entscheiden auf welcher Schwierigkeitsstufe man spielen möchte.
Als „Grünschnabel“ stirbt man zwar, muss jedoch nicht wieder vom Anfang beginnen, sondern springt einfach zurück. Das Spiel wird hier also quasi „gespeichert“, während man im Spielmodus „Teufelskerl“ ohne Spielspeicherung durch die Story daddelt. Ich habe mich natürlich für „Teufelskerl“ entschieden, denn – No risk, no fun!
Übrigens benötigt man bei diesem Spiel keine Würfel, sondern nur einen Bleistift und Radiergummi.

© Pink Anemone

„Irgendwas nagt an deinem Bewusstsein, irgendwas ruft nach deiner Aufmerksamkeit. Dir ist, als würde dir etwas fehlen, etwas Lebenswichtiges, wie die Luft zum Atmen. Dein ganzes Dasein in all seiner Hoffnungslosigkeit drängt sich nun in dein Bewusstsein, der Kampf gegen Ungerechtigkeit und Bestechlichkeit.“
(S. 188)

Und so stürzte ich mich als knackige 24-jährige ins Somorra-Abenteuer, um gegen die Ungerechtigkeit und Korruption des Systems zu kämpfen und mehr über meinen Vater zu erfahren.
Doch man hat hier nicht nur gegen korrupte  Bullen und machtgeile Geldsäcke zu kämpfen, sondern auch gegen die eigene Drogensucht. Diese hat man sich eingefangen, als man eine Spritze mit Somorras Superdroge „Somorin“ ins Bein gerammt bekommen hat und diese droht einem hin und wieder zu überrollen.
Man kämpft also gleich an zwei Fronten und dies auf äußerst spannende Art und Weise.

© Pink Anemone

Je nachdem wie man sich entscheidet kämpft man alleine oder geht einen Pakt mit einem Unterweltboss ein, ebenso trifft man auf skurrile und furchteinflößende Figuren. Welchen Weg man beschreitet hängt ganz alleine von den Entscheidungen ab.
Manchmal wird für bestimmte Aufgaben ein Zeitlimit gestellt, wobei jede Aktion Zeit kostet, daher muss man auch hier weise entscheiden.
Weiters kann man mit der U-Bahn von Stadtviertel zu Stadtviertel fahren und so Somorra erkunden, sofern man genügend Zeit hat.
Wenn einem die Drogensucht packt, wird man in ein surreales Setting katapultiert, welches von einer psychedelisch angehauchten Atmosphäre bestimmt ist. Dort werden einem dann knifflige Rätsel gestellt, welche man lösen muss, um nicht von der Drogensucht übermannt zu werden.
Man kann hier also auf zwei Arten sterben – entweder als Drogentote, welche die Drogenhölle nicht überlebt hat, oder auf den Straßen von Samorra beim Kampf gegen das System.

© Pink Anemone

„Gelingt es dir nicht ein Heilmittel zu finden, wird die Sucht dich schließlich besiegen. Die drohende Sucht wird sich immer wieder mit Suchtschüben melden, und zwar in Form des Zirkuszauberers, einer geheimnisvollen Kreatur aus den Legenden Somorras, die dich mit in die fortlaufenden Kreise der Hölle der Drogensucht nimmt.“
(S. 413)

Der Schreibstil ist einfach gehalten und flüssig und es umweht einem eine dystopische Noir-Atmosphäre.
Hin und wieder kann man dabei auch stimmungsvolle Illustrationen entdecken, welche an Retro-Comics erinnern. Von diesen hätte ich mir mehr gewünscht, da diese einen ganz eigenen Flair in die Geschichte bringen.

Aufgrund der weiblichen Protagonistin, wird dieses Gamebook auch das weibliche Publikum ansprechen. Ein weiterer Pluspunkt ist die bereits erwähnte düstere Noir-Atmosphäre, die LeserInnen ansprechen könnte, welche mit High Fantasy und Sword & Sorcery so gar nichts anfangen können. Zudem eignet sich dieses Spielbuch hervorragend für diejenigen, welche in die Gamebook-Welt erstmal hineinschnuppern wollen und für Anfänger.

© Pink Anemone

„All die Geräte und Laborutensilien, die Monitore und die Kanister in diesem Raum, selbst die Wände und der Boden, sind von einer Masse aus hellem, pulsierenden Fleisch bedeckt, das sich wie Efeu verbreitet hat und an den Wänden hochgewachsen ist. Wie ein Meer aus Muskelsträngen, Haut und Gewebe scheint das alles ein einziges lebendes Wesen zu sein, das schwerfällig Luft einzieht.“
(S. 29)

Fazit:
Ich hatte beim Lesen und Spielen durchaus meinen Spaß und die Story selbst war äußerst spannend zu verfolgen. Vor allem die Noir-Atmosphäre, welche an Sin-City erinnert (das Cover ist also nicht ganz zufällig so gewählt), fand ich gelungen und konnte mich begeistern.
Völlig neue Ansätze, wie z.B. dass man sein Leben nicht nur im Kampf verlieren kann, sondern auch gegen die Drogensucht kämpft und hierbei ebenso den Löffel abgeben kann, fand ich gelungen und sehr erfrischend.
Ich persönlich vermisste jedoch so ein bisschen die Herausforderung und Komplexität, wobei ich hinzufügen muss, dass ich bezüglich Gamebooks schon sehr verwöhnt bin und mich eher komplexere Spielbücher ansprechen. Mir fehlte hier das Sammeln von Equip und Waffen, ein Kampfsystem und auch das Spiel mit den Würfeln.
Dieses Spielbuch habe ich innerhalb eines Tages durchgespielt, bin nur einmal verreckt und konnte im zweiten Anlauf gleich zwei Erfolge erzielen, das korrupte System stürzen und hatte am Ende sogar den Titel „Superbulle“. Dies alles ohne Geld in der Tasche und ohne jemals an eine Waffe gekommen zu sein. Kurz gesagt – mir war es zu simpel.
Alte Gambook-„Hasen“ könnten sich hier also etwas unterfordert fühlen. Für Einsteiger und Anfänger ist es jedoch das ideale Gamebook, welches mit einer stimmungsvollen Noir-Atmosphäre und einer starken Protagonistin punkten kann.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe

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Weitere Buchinformationen

Rezensionsexemplar mit herzlichen Dank an

 

  • Taschenbuch: 560 Seiten
  • Verlag: Mantikore-Verlag; Auflage: Deutsche Erstauflage (9. September 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3961880891
  • ISBN-13: 978-3961880898
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 16 Jahren
  • Preis: 14,95€ (Stand vom 15.01.2020
  • Auch erhältlich als: E-Book
© Pink Anemone

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Autoren-Info
Bildquelle: Mantikore-Verlag

Christian und Florian Sußner sind, genau wie ihre Schwester Julia, am 11. Dezember 1979 in Erlangen geboren. Christian kümmert sich um Unternehmen, Tore und Körbe. Er wohnt in Stuttgart. Florian arbeitet mit Existenzgründern, Tänzern und Schauspielern. Er lebt in Nürnberg. Die beiden Autoren gehören zu den wenigen deutschen Spielbuchautoren. Mit ihrem Erstlingswerk DAS FEUER DES MONDES haben sie die Spielbuch-Fangemeinde begeistert, so das das Spiel bereits mit zwei Preisen ausgezeichnet wurde.

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2 Kommentare zu „Rezension „Somorra – Stadt der Lügen“ von Christian & Florian Sussner ★★★★

  1. Hallo Conny,
    dieses Gamebook spricht mich schon eher an. Vor allem wäre das für mich bestimmt auch noch gut geeignet, weil ich lange keines mehr gespielt habe und erstmal wieder reinfinden müsste. Ich setze es auf meine WuLi. 🙂
    Liebe Grüße
    Diana

    Gefällt 1 Person

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