Historische Romane · Rezensionen

Rezension „Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina ★★★★★

30er Jahre / Bildgewaltig, mitreißend, atmosphärisch und ans Herz gehend.

Dieses Buch las ich im Zuge der Bookopoly-Spiel-Challenge. Kerstin von KeJasWortrausch hat es für mich ausgesucht und ich kann Euch gar nicht sagen wie dankbar ich ihr dafür bin. Ohne Bookopolys und vor allem ohne Kerstin wär das Buch wohl noch ewig lange auf meinem SuB dahinvegetiert.

Wenn Ihr in diese schräge Casino-Stadt namens Bookopolys und in unsere Bücher blicken wollt, dann klickt auf das untere Bild.

© Janna von KeJas-Blogbuch

Und nun kommen wir aber zu meinem ersten Lesehighlight im Jahr 2020, zu dem es auch einen Book-Soundtrack mit russischer Folklore und auch Klassik gibt.

Zusammengestellt von © Pink Anemone

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Urbares Sibirien

Suleika ist eine tatarische Bäuerin. Eingeschüchtert und rechtlos lebt die Mutter von vier im Säuglingsalter gestorbenen Kindern auf dem Hof ihres viel älteren Mannes. Ihr Weg zu sich selbst führt durch die Hölle, das Sibirien der von Stalin Ausgesiedelten. Ein anrührendes und meisterhaftes Debüt, das in 21 Sprachen übersetzt ist… (Klappentext)

© Pink Anemone

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„Hunderte, Tausende Familien fuhren in endlosen Schlittenzügen durch die Weiten des Roten Tatariens. Vor ihnen lag ein noch viel längerer Weg. Wohin er führte, wussten weder sie noch ihre Begleiter. Klar war nur eines. Es ging sehr weit fort.“
(S. 157)

Suleika ist eine junge Frau, welche im Russland der 30er Jahre ein karges Leben führt. Mit fünfzehn wurde sie an einen viel älteren Mann verheiratet, ist nun mit einer bösartigen Schwiegermutter „gesegnet“ und schuftet sie von Früh bis Spät und trotzdem ist es nie gut genug. Ihre vier Kinder musste sie alle bereits im Säuglingsalter begraben und daran ist sie selbst schuld, wenn es nach ihrer Schwiegermutter geht. Sie leidet still und kämpft sich durch dieses Leben.
Man könnte meinen es könne für Suleika nicht noch schlimmer werden, als der Rote Terror über sie hereinbricht. Dieser führt schließlich zur Enteignung ihres Hofes und ihr Mann wird getötet. Suleika wird mit anderen in das unwirtliche Sibirien deportiert, um dieses Gebiet für Stalin urbar zu machen.

Dieser historische Roman erstreckt sich über zwei Jahrzehnte und erzählt von dem entbehrungsreichen Leben tatarischer Bauern, den Verbrechen Stalins an diesen Bauern und somit der Entkulakisierung und Urbarmachung der Taiga. Dies alles aus der Sicht einer Betroffenen – Suleika, welche ich von der ersten Seite an ins Herz schloß.

© Pink Anemone

„Der Schnee fährt ihr schmerzhaft ins Gesicht, dringt in Nase und Mund. Suleika hebt den Kopf und schüttelt ihn ab. Da liegt sie am Boden, sieht das Schlittenende davonfahren und das Schneegestöber ringsum dichter werden.“
(S. 25)

Wie erwähnt umfasst die Story zwei Jahrzehnte und ist in vier große Kapitel unterteilt.
Es beginnt mit dem Einblick in das Leben einer Bäuerin und man ist dabei, als Suleika bis zur Erschöpfung arbeitet, von ihrer Schwiegermutter tagein und tagaus drangsaliert und von ihrem Mann geschlagen wird. Trotzdem bezeichnet sie ihn als „guten Mann“. Doch schon hier erkennt man wie stark sie eigentlich ist.

© Pink Anemone

Der 2. Teil behandelt die Deportation und die lange Reise, welche ein halbes Jahr dauert. Hier erhält man auch Einblick in die Sicht von Ignatow – Rotarmist der roten Arbeiter- und Bauernarmee und Mörder von Suleikas Mann. Dieser wird abkommandiert, um den Zug mit der menschlichen Fracht nach Sibirien zu begleiten und schließlich mit diesen in der Einöde zurückgelassen wird.
Hier beginnt dann das dritte Kapitel, welches das Überleben im Nordosten Sibiriens beleuchtet. Der Überlebenskampf mit dem harten Winter und wie im Nichts der Einöde eine Siedlung entsteht.
Im vierten Teil ist aus der Siedlung mit windigen Baracken bereits ein kleines Dorf entstanden. Das Leben ist hart und entbehrungsreich aber die Menschen haben sich damit arrangiert. Doch nun reichen die Krallen des 2. Weltkrieges auch in das abgelegene sibirische Dorf. Am Ende öffnet Suleika wie so oft ihre Augen und beginnt endlich zu sehen.

© Pink Anemone

„Der frische Geruch der großen Wasserfläche und der herbe Duft der Taiga von Fichten, Kiefern, Lärchen und aromatischen Kräutern steigen ihm in die Nase. Es ist also wahr: Er, Iwan Ignatow, sitzt hier in Sibirien.“
(S. 256)

Die russischen Schriftsteller haben eine ganz spezielle Art zu erzählen – ruhig, kämpferisch und dennoch immer mit dieser leisen Melancholie.
Dostojewski, Tolstoi und Gogol, um nur drei meiner Favoriten zu erwähnen, schafften es mich für russische Literatur und somit auch für russische Geschichte zu begeistern. In diese Liste reiht sich nun auch die junge Schriftstellerin Gusel Jachina.
Auch sie lässt das Leben russischer Bauern lebendig werden. Auch sie thematisiert ein Unrecht, was an diesen begangen wurde und auch sie hat diese ruhige, melancholisch-russische Erzählweise inne.
Doch während die oben genannten Herrschaften oft ausufernd und langatmig erzählen, sich teilweise in Nebensächlichkeiten verlieren und es dadurch zu der ein oder anderen Länge kommt (welche ich jedoch auch durchaus genießen kann), schreibt Jachina zwar ebenso mit Liebe zum Detail, jedoch in schlichter Sprache, fesselnd und vor allem atmosphärisch.

© Pink Anemone

„Der gesägte Kalender an dem Stamm neben dem Ausgang ist eine Erfindung von Konstantin Arnoldowitsch. Mitte August begonnen, sind September, Oktober, November, Dezember, Januar und sogar Februar mit fester Hand in das Holz eingeritzt. Ab März werden die Schnitte unregelmäßig und sind kaum noch zu erkennen. Der April ist gar nicht mehr vermerkt. Das ist inzwischen auch gleichgültig, wahrscheinlich ist er bereits zu Ende.“
(S. 340)

Begleitet von unglaublicher Sprachgewalt, Atmosphäre und viel Gefühl, taucht man in eine Welt ein, die so anders als die unsrige ist. In eine Zeit, welche bereits lange in der Vergangenheit liegt und eine historische Begebenheit aufleben lässt, die schon vergessen zu sein schien.Fiktion verwoben mit der Geschichte der Großmutter der Autorin.

© Pink Anemone

Fazit:
Bildgewaltig, mitreißend, atmosphärisch und ans Herz gehend, sind die ersten Worte, die mir nach dem Zuklappen des Buches durch den Kopf gehen.
Innerhalb kürzester Zeit habe ich diesen Roman verschlungen, der mir Einblick in die russische Geschichte und in eine Zeit ermöglichte, welche ich nie bewusst verfolgte.
Ich habe mit Suleika gelitten, gefroren und gehungert und trotzdem hätte ich noch ewig darin versinken können.

Am Ende möchte ich Euch ein Zitat der Autorin nicht vorenthalten, welche in diesem Buch die Geschichte ihrer Großmutter niedergeschrieben hat.

„>>Wir alle wissen viel zu wenig über unsere Großmütter und Urgroßmütter, über diese >schweigende Generation<. Sie haben etwas verschwiegen und vor uns verheimlicht, haben im Gefängnis gesessen oder waren in der Verbannung, oder sie selbst haben andere ins Lager gesteckt, in die Verbannung geschickt oder erschossen … Unsere Verbindung zu den früheren Generationen ist durchbrochen, sie ist abgerissen.<<“
(Gusel Jachina)

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe

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Weitere Buchinformationen

 

  • Gebundene Ausgabe: 541 Seiten
  • Verlag: Aufbau Verlag; Auflage: 3. (17. Februar 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3351036701
  • ISBN-13: 978-3351036706
  • Preis: 22,95€ (Stand vom 15.05.2020)
  • Auch erhältlich als: E-Book, TB und HB
© Pink Anemone

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Autoren-Info
Bildquelle: Aufbauverlag / © BASSO CANNARSA

Gusel Jachina, geboren 1977 in Kasan (Tatarstan), russische Autorin und Filmemacherin tatarischer Abstammung, studierte an der Kasaner Staatlichen Pädagogischen Hochschule Germanistik und Anglistik und absolvierte die Moskauer Filmhochschule. Ihr erster Roman “Suleika öffnet die Augen“ wurde in 31 Sprachen übersetzt. Mit „Wolgakinder“, bisher in 14 Sprachen übersetzt, legt die international erfolgreiche Autorin ihren zweiten Roman vor. Gusel Jachina lebt mit ihrer Familie in Moskau.

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6 Kommentare zu „Rezension „Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina ★★★★★

  1. Ich freue mich, dass dich das Buch auch so begeistern konnte! Ich habe es vor einiger Zeit gehört und wollte am liebsten noch mehr von dieser Autorin lesen! Ich habe viel nach dem Lesen im Netz über die Menschen und die Zeit recherchiert. Auch aus diesem Grund ein sehr wertvolles Buch.
    Leider konnte mich der nächste Roman „Wolgakinder“ nicht überzeugen. Ich war regelrecht enttäuscht. Mal sehen, ob du dich an das Buch rantrauen wirst. 🙂
    GlG, monerl

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  2. Glaub das ist so ein Buch, das würde ich lesen und danach meiner Mutter direkt weiterschenken 😀
    Was jetzt nicht ma negativ gemeint ist, aber ich lese solche Bücher meist nur einmal, egal wie gut sie sind. verstauben bei mir einfach und meine Mutter freut sich immer, wenn ich ihr Bücher vermachte. festa liest sie nicht so, aber hier ist eine Weitergabe möglich 😛

    Übersetzung: Danke für den Lesetipp XD

    Gefällt 2 Personen

  3. Hallo 🙂
    wunderbare Rezension und wieder klasse Fotos! Ich kann ja einfach stundenlang auf deinem Blog auch einfach nur Fotos anschauen weil die so toll sind.
    Das Buch steht schon ewig auf meiner Bibliotheksliste, ist aber meist schon verliehen. Und aktuell ist ja eh nichst mit Bibliothek nur die Onleihe. Vielleicht schaffe ich es irgendann mal das Buch zu lesen 😀

    LG

    Gefällt 1 Person

  4. Wuhuuu Conny,
    jetzt bin ich irre glücklich das dieses Buch so gut bei dir ankam 😀
    All deine Worte dazu haben mich nochmals zu Suleika geführt und ganz vieles ist davon hängen geblieben. Was hab ich auch mit dieser Frau gelitten und mich um sie gesorgt.
    Ganz großartig sind wieder deine Bilder, wunderschön wie du dieses Buch zelebrierst.
    Das neuere Buch „Wolgakinder“ fand ich auch gut, es geht auch wieder sehr viel um Identität, Zugehörigkeit, Wechsel in Zeiten und ist historisch klasse recherchiert, hat aber deutlich mehr „Traumepisoden“.
    Freue mich richtig.
    Liebe Grüße
    Kerstin

    Gefällt 1 Person

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