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Rezension „Hotel Kummer“ von Erik R. Andara ★★★★

Weird-Fiction-Erzählungen voller unheimlicher und unheilvoller Atmosphäre im typisch andaraesken Stil

Wenn Halloween ein Gefühl wäre, wäre es dieses Buch

Fünf Geschichten über jene, die sich in der Finsternis unmöglicher Räume verloren haben, aber trotz allem noch zu hoffen wagen … (Klappentext)

© Pink Anemone

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„Doch nun: Hereinspaziert, ihr Menschen, in die eigentümlichen, oft beunruhigenden, mal finsteren, mal lichteren, zuweilen aber immer geheimnisvollen und bedrohlichen Suiten des Hotels Kummer, das halb im Diesseits, halb im Jenseits steht, und in dessen Zimmerfluchten es immer eine verschlossene Tür gibt, die hinter die Bühne führt.“
(S. 14 – Vorwort von Michael Marrak)

Ihr wundert Euch nun sicher, weshalb ich aus dem Vorwort zitiere, welches nicht einmal vom Autor stammt. Nun, das hat gleich zwei Gründe.
Zum einen sollte man sich in diesem Fall das Vorwort von Michael Marrak unbedingt gönnen, denn da erfährt man so einiges über den Autor Erik R. Andara und wie er am liebsten seine Zeit verbringt. Zum anderen hätte der Autor Marrak den Anfang nicht besser einläuten können als mit diesen Worten.
Und nun wollen wir uns dem vorliegendem Buch widmen.

Der Autor Erik R. Andara hat wieder eine feine Sammlung an Kurzgeschichten veröffentlicht. Diese sind im Laufe von vier Jahren entstanden, meist dann, wenn er sich hinter den Nebel begab und die Zwischenwelten betrat. Ergo, erwartete mich wieder Weird Fiction im andaraesken H.P-Lovecraft-Stil.

Betretet nun mit mir das Reich in dem nichts ist wie es scheint, denn ich lasse Euch einen kleinen Blick in die fünf Geschichten erhaschen …

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© Pink Anemone
I. „Jener, der da kommt“

Eine im Fernsehen übertragene Mondlandung mit einer beängstigenden Entdeckung und scheinbar verschollenen Astronauten. Doch welches Tor wurde geöffnet, um einem Astronauten zu ermöglichen plötzlich in Katjas Wohnzimmer zu stehen?
Ist das ein irrer Traum, wird sie verrückt, sind das die Nachwirkungen ihrer Schlaftabletten oder ist es Realität?

© Pink Anemone

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II. „Mein fremder Name“

Eine Geschichte, die uns in eine Wohnung voller orientalischer Klänge mitten in Wien entführt. Doch von Beginn an ist die drückende Schwere und etwas Unheilvolles spürbar, welches von der anwesenden Tante ausgeht.
Eine Schuld muss beglichen werden – eine Schuld gegenüber etwas Altem und Mächtigem.

„>>Jetzt ist es aber genug!<<, donnerte die Tante. Keramik klirrte, Möbelstücke polterten, vor den Fenstern zog wie aus dem Nichts ein Sturm auf und drückte knatternd Hagelkörner gegen die Scheiben. Die Vorhänge knallten im Wind, und etwas Riesiges beugte sich über den Raum, der plötzlich keine Decke mehr hatte. Wenige, fremde Sterne leuchteten in der Finsternis, und aus der blitzzerissenen Leere zwischen ihnen wurden sie von einem gigantischen Schatten aus seinen Myriaden von Augen beobachtet.“ (S 54)

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III. „In ihrer Finsternis ruhen“

Eine fantastische und morderne Adaption von E.A. Poes „Ligeia“. Alle Worte wären hier zu viel und würden dieser Geschichte nicht gerecht werden.
Dies ist eine meiner Lieblingsgeschichten, welche ich voller Begeisterung gleich zwei Mal hintereinander las.

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IV. „Ökonomische Ordnung“

Wenn Dystopie und Phantastik eine Symbiose eingehen, entsteht eine Geschichte in der uns der Kapitalismus und die Umweltsünden auf den Kopf fallen und einem ein Blick auf unsere „wahre Herkunft“ gewährt wird.
Bei der nächsten Kartenzahlung werde ich wohl versuchen zu verhandeln – Sechs Minuten mit direktem Kontakt.

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V. „Hotel Kummer“

Ein Hotel namens „Hotel Kummer“, direkt auf der Mariahilferstraße gelegen und unweit des berühmten Wiener Cafès „Ritter“. Eine alte Dame hat sich dieses Hotel als letztes Reiseziel erwählt, wo die Schatten der Erinnerung sie begrüßen. Sie ist bereit nach all den Jahren Helmuth zu treffen. Noch befindet sie sich zwischen den Welten, nur an der Grenze … doch die Schatten sind überall.
Auch einer meiner absoluten Favoriten unter den Geschichten.

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Im Anschluß ein Nachwort von Rudolf M. Berger, das so manches ausdrückt, was ich nicht in Worte fassen kann.

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Wie Ihr erkennen könnt, entführt uns der Autor wieder in die Welt der Phantastik und Weird Fiction. Schon nach wenigen Zeilen einer jeden Story umhüllt einem die Atmosphäre des Unheimlichen und die Nackenhaare stellen sich einem auf, obwohl ES noch nicht greifbar ist, vielleicht auch niemals greifbar wird.
Man weiß nie wann eine Wendung einsetzt oder geschah dies schon … als etwa vor wenigen Zeilen ganz leise die Alarmglocke im Hinterkopf bimmelte? … Als ob ES oder ETWAS im Augenwinkel an einem vorbeihuschen würde.
Man kann sich auch nie sicher sein, wann es endet oder ob es endet und der Albtraum nicht noch leise weiterrauscht, denn manche Storys lassen einem nie los.

© Pink Anemone

„Es war nicht richtig dunkel: das Fenster stand immer noch offen und von draußen sickerte elektrisches Licht der Straßenbeleuchtung herein und verlieh dem Zimmer gerade so viel Kontur, wie es brauchte, um noch hier zu sein und nicht irgendwo außerhalb ihrer Reichweite, auf der anderen Seite – bloß noch ein Schatten seiner selbst.
(S. 145 – „Hotel Kummer“)

Der Autor spielt gekonnt mit den Realitäten, dem Möglichen, der Wahrnehmung und auch mit der Fantasie der LeserInnen, denn manches bleibt undgesagt im Raum stehen, wird nur leise angedeutet … und dann ist es schon zu spät. Doch eines ist gewiss – man spürt es … dieses Unheimliche, und ist es nicht so, dass vieles unheimlicher und angsteinflößender ist, wenn man es nicht bennen, nicht in Worte fassen kann?
Genau das ist der Flair, der Weird Fiction und die Phantastik ausmacht und dadurch das Gefühl des Schauers bei mir auslöst und das ohne das Blut vergossen oder wild gemetzelt wird. Der Schauer, der noch nachhallt und einem nie ganz loslässt.
Erik R. Andara scheint diese Art zu schreiben fast schon perfektioniert zu haben, denn in meinen Augen ist es wahre Kunst einer Geschichte so dichte Atmosphäre des Unheimlichen einzuhauchen und diese dann an der richtigen Stelle enden zu lassen, um das alles in einem auszulösen.

© Pink Anemone

„Die Dämmerung ist beinahe vollzogen, nur an der äußersten Kante der Stadt blutete die versunkene Sonne noch ein wenig in den Himmel; rundherum das Knacken der allmählich abkühlenden Dächer, träge erwacht das Nachtleben zwischen den Gebäuden, atmet im Rhythmus des mechanisch schnaufenden Respirators. Unnachgiebig pustet er Luft in den schmalen Körper am Bett.“
(S. 77 – „In ihrer Finsternis ruhen“)

Weiters hat Erik R. Andara einen ganz eigenen Schreib- und Erzählstil, der für dieses Subgenre wie gemacht zu sein scheint.
Er schlägt ruhige Töne an, die einem trotzdem unsicher über die Schulter blicken oder bei einem Knacken zusammenzucken lassen. Gleichzeitig ist der Schreibstil flüssig, packend und dazu noch von hoher literarischer Sprachgewalt, welche in einem modernem Stil daherkommt.
Im Weird-Fiction-Genre ist ein neues und modernes Zeitalter angebrochen und Erik R. Andara hat diesem sogleich mal den Coolness-Stempel aufgedrückt – andaraesk, nenne ich diesen Stil.

Fazit:
Wenn die düstere Herbstzeit und Halloween ein Gefühl wären, wären sie dieses Buch.
Es steckt voller unheimlicher und düsterer Atmosphäre, die einem während des Lesens aufgestellte Nackenhaare beschert. Ergo, wieder einmal moderne Weird Fiction vom Feinsten aus der Feder von Erik R. Andara.
Wieso trotzdem „nur“ 4 Sterne? Nun, wie es bei Kurzgeschichtensammlungen mal so ist, sind immer welche dabei, die man nicht berauschend findet und so ist es eben in diesem Fall auch bei mir.
Das betrifft die ersten beiden Storys, die mich zwar sehr wohl packen konnten, aber die Enden von beiden Geschichten waren nicht mein Fall. Vor allem das Ende von „Jener, der da kommt“ war für mich zu abrupt und somit fühlte sich die gesamte Story für mich am Ende irgendwie unfertig an.
Die folgenden Geschichten waren für mich dann aber umso eindrucksvoller. Zwei Storys sind sogar absolute Highlights.

Für mich bleibt Erik R. Andara trotzdem einer der begnadensten Autoren im Subgenre Weird Fiction und der Phantastik, denn wenn ein Autor es erstmal schafft eine Atmosphäre zu erschaffen, die einem das Gefühl von etwas Unheilvollem und Unheimlichem sichtbar spüren lässt, also auch mit physischen Auswirkungen, wie z .B. das beklemmende Gefühl in der Brust, das schneller schlagende Herz oder die aufgestellten Nackenhaare, ja dann ist er für dieses Genre wie geschaffen und auf dem Weg nach ganz oben.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe

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Weitere Buchinformationen
  • Taschenbuch: 170 Seiten (limitierte Erstausgabe)
  • Herausgeber: Whitetrain; 2020
  • Zu beziehen bei: Verlag oder Autor

Dieses Buch mit Anfrage per Mail an luxfactum(a)hotmail.com beziehen.

Mit Link zu Verlags-Shop
© Pink Anemone

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Autoren-Interview
Pink Anemone

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Autoren-Info
© by Heidi Breuer
Erik R. Andara wurde 1977 in der Nähe des Dunkelsteinerwalds in Österreich geboren und wuchs dort zurückgezogen in einer kleinen Klause am Waldrand auf. Er widmete sich unmittelbar nach seiner Ankunft auf der Erde dem Lesen und Erzählen von Geschichten. Als er überrascht feststellen musste, dass diese Realität auch nach dem Übertritt ins neue Jahrtausend fortbestehen sollte, ging er nach Wien, um von dort aus seine Suche auszuweiten und aus allen Ecken und Enden des Multiversums weiteres Material für seine Geschichten zusammenzutragen. Heutzutage widmet er sich vor allem dunkler Phantastik.
Zuletzt erschienen seine Geschichten und Illustrationen in Ausgaben des Visionariums und des IF- Zeitschrift für angewandte Fantastik. Seine erste Geschichtensammlung erschien im Februar 2018 unter dem Titel „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“ und im Herbst 2018 seine Novelle „Hinaus durch die zweite Tür“, beides im Whitetrain-Verlag. Sein Debütroman „Im Garten Numen“ erschien im Mai 2019.
 
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6 Kommentare zu „Rezension „Hotel Kummer“ von Erik R. Andara ★★★★

  1. Danke für diese wunderbare Besprechung, Brunhilde. Ich freue mich tierisch. Mein Ziel in der nächsten Sammlung ist, Dich von allen Geschichten zu überzeugen 😉 Zuvor kommt aber noch der Roman. Habe ich schon gesagt, dass in „Die Erloschenen“ Teile aus „Nachtspiel und Morgengrauen“ statfinden werden?

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    1. Schön das Dir die Rezension gefällt und Du Dich auch mit 4 Sternen zufrieden gibst 😉
      Ich hab auf FB was läuten hören und ja auch schon paar Textauszüge gelesen – da wo ich weiterwischen wollte, um auf die nächste Seite zu kommen XD (nicht immer die hellste Lampe im Park).

      Auf „Die Erloschenen“ freue ich mich schon sehr!!
      Mit Kurzgeschichten ist das ja immer so eine Sache und dann bin ich auch noch eine kritische Leserin … bei mir hat man es glaub ich ned leicht XD.

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  2. Beim nächsten Mal schaffe ich mindestens 4,5 Sterne! Nein, ohne Scherz, mir sind ehrliche Rückmeldungen immer am liebsten, auch wenn jemandem etwas nicht gefallen hat, höre ich mir das gerne und interessiert an. Nachdem ich selbst Leser bin, weiß ich, dass keiner meiner Lieblingsautoren nur Geschichten geschrieben hat, die mir gefallen haben. Wie sollte ich, der ich ja gerade erst beginne, sowas also schaffen. Diese Rezension nähme ich übrigens auch mit zwei oder drei Sternen! Das ist nicht so wichtig für mich. Ich schreibe die Geschichten, die ich schreibe, und die Bücher gehören dann den Leserinnen uhnd Lesern, in der Hoffnung, dass sie ihnen gefallen.

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    1. Bei mir gibt’s keine halben Sachen, also nur ganze Sterne XD.
      Also ich finde dafür, dass Du noch am Anfang Deiner schriftstellerischen Karriere stehst, machst Dich doch ganz gut. Nicht jeder schneidet da bei mir so gut ab *g*. Ich glaube Nora Bendzko ist da wirklich eine große Ausnahme.
      Und wie Du sagst, selbst große Schriftsteller wie, nehmen wir z.B. Stephen King her, haben Bücher und Geschichten, die ich absolut grottig fand.

      “ Ich schreibe die Geschichten, die ich schreibe, und die Bücher gehören dann den Leserinnen uhnd Lesern, in der Hoffnung, dass sie ihnen gefallen.“
      Das ist das schönste Zitat, was ich von einem Autor je gelesen haben. Ich glaube das werde ich irgendwann mal in einem Beitrag zitieren, wenn ich darf.
      Und nun geh wieder an die Arbeit – „Die Erloschenen“ schreiben sich ned von selbst XD.

      Ich hab’s Dir ja eh schon gesagt, aber hier nochmals: Vielen Dank für das Kommentieren auf meinem Blog!

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