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Rezension „Der Todesengel“ von Ina Elbracht ★★★★★

Eine alte Kölner Sage neu und vor allem schaurig erzählt. Ein Grusel-Highlight!!

„Ahm Nümaat zwei Päddsköpp“

Eine Gestalt hält 1945 in den Trümmern des zerbombten Kölns Ausschau nach Kindern, die der Krieg zu leichten Opfern gemacht hat.
Fünfundsiebzig Jahre später geht es für Helene Gniffke, eine gewiefte, aber abgebrannte Maklerin, um alles oder nichts. Ihre neue Mandantin, eine ältere, vermögende Frau, scheint die allerletzte Chance zu sein, um den bevorstehenden Ruin abzuwenden. Helene braucht das Geld und übersieht dabei all die merkwürdigen Dinge, mit denen sich die alte Lady umgibt… (Klappentext)

© Pink Anemone

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„>>Lebt wohl!<<, rief die Frau ihnen nach. Gerda konnte nicht sehen, wie sie hinter ihnen schlaff und mit verdrehten gelben Augen auf den Boden zurückfiel, das Todesdreieck wie ein unheimlicher Mundschutz auf dem wächsernen Gesicht.“
(S. 18)

Helene hat es derzeit wirklich nicht leicht. Die junge Immobilienmaklerin ist durch eigenes Verschulden ganz unten angelangt. Abgebrannt und in einer heruntergekommenen Kölner Gegend hockend, hofft sie auf eine kleine Chance, einen Goldesel, der ihr erlaubt wieder bei den ganz Großen mitzuspielen.
Tatsächlich scheint sie mit ihrer neuen Mandantin genau diesen Goldesel an Land gezogen zu haben. Die alte Dame mit dem wohlklingenden Namen „Gerda von Grope“ ist vermögend und aus einer uralten Kölner Familie stammend. Diese möchte ihre Immobilien auf den Markt bringen. Da nimmt Helene gerne in Kauf, dass die Dame nicht nur schrullig ist, sondern allgemein nicht mehr alle Latten am Zaun zu haben scheint. Dauernd faselt sie, dass sie von der berühmten Richmodis Mengis von Aducht abstammt. Ja, manchmal sogar denkt genau diese Richmodis zu sein. Sie nimmt auch in Kauf, dass die Dame sie völlig vereinnahmt, der Wein komisch schmeckt und selbst die Angestellten eigen sind. Tja, was tut man nicht alles für Geld.
Wer hätte gedacht, dass diese Von Grope gar nicht so dement ist und ihre Erzählungen näher an der Wahrheit dran sind als vermutet

© Pink Anemone

Die Story wird mit Rückblicken erzählt und beginnt damit schon auf den ersten Seiten, auf denen man sich im Köln des Zweiten Weltkriegs befindet. Doch es wird nicht nur zwischen Gegenwart und den 40er Jahren geswitcht, sondern man reist hierbei auch bis in das 14. Jahrhundert.
Dabei verliert die Autorin niemals den roten Faden, welcher sich beständig durch alle Zeiten und Köln spinnt.

Der Schreibstil ist flüssig und weist ebenso literarische Sprachgewalt auf. Doch auch der Humor und der Biss fehlen hier nicht. Vor allem konnten mich jedoch Atmosphäre und die Protagonisten begeistern.
Während hier die männlichen Figuren hauptsächlich Beiwerk sind, sind die starken Frauenfiguren umso präsenter. Dabei ist keine davon eine große Sympathieträgerin, zumindest für mich nicht. Während Helene ein geldgieriges Aas ist, ist die alte Dame zu Beginn nur schwer einzuschätzen. Man ist sich jedoch sicher, dass mit der etwas nicht stimmt. Meiner Meinung nach macht das den Roman aber erst so richtig lesenswert und auch spannend.
Während einem beim Lesen ein „gemütlicher“ Schauer begleitet, wird zum Ende hin das Tempo ordentlich gesteigert und es kommt zu der ein oder anderen überraschenden Wendung.

© Pink Anemone

„Das wenigste war zu jenem verhängnisvollem Zeitpunkt in trockenen Tüchern, als mich unmittelbar vor dem für mich wichtigsten Abschluss, der gewissermaßen den Startschuss für alle folgenden Aktionen darstellte, eine berüchtigte Fridays-for-Future-Mami mit mehrfach verpacktem Obst in einer Plastiktüte erwischte und empört verstieß. Ich verlor alle Kunden und sackte durch auf den Nullpunkt, an dem ich mich befand, als ich in Madame Gropes Salon saß, bitteren Kaffee trank und nicht dagegen ankam, meine Auftragsgeberin immer weniger sympathisch zu finden, vielleicht sogar ein wenig zu verachten.“
(S. 48)

Wer sich mit der Kölner Geschichte, bzw. mit Kölner Sagen auskennt, dem ist die Richmodis-Sage durchaus ein Begriff. Doch man muss sie nicht kennen, um diese Story genießen zu können, wohlgemerkt mit einem wohlig gruselndem Krippeln im Nacken.
Ina Elbracht hat aus dieser uralten und romantischen Kölner Sage nicht nur etwas völlig Neues kreiert, sondern diese auch weitergesponnen.
Und drückt man dieser Autorin eine Kölner Sage in die Hand, dann kann man sich sicher sein, dass diese nach ihrer Bearbeitung alles andere als romantisch, dafür umso gruseliger und haarsträubender ist.

© Pink Anemone

„Auch ihre Füße waren nie unbestrumpft. Gerda hatte sie nur ein einziges Mal gesehen, als sie durch einen Spalt ins Ankleidezimmer gelinst hatte, schwarze, fast verdorrte aussehende Krallenfüße, die nicht wirkten, als ob sie den massiven Leib der Stiefmutter überhaupt tragen konnten.“
(S. 63)

Fazit:
Die Story konnte mich so derartig fesseln und begeistern, sodass ich das Buch in einem Rutsch gelesen habe. Feiner Gruselschauer, eine uralte Sage, Kölner Lokalkolorit und fantastischer Schreibstil. Diese Kombination machte mir das Lesen zum reinsten Vergnügen.
Ich werde nun alte Damen, die einen Faible für Papageien haben und die mir Wein kredenzen mit etwas wachsameren Augen betrachten. Wer weiß wen ich dann vor mir habe.

Wenn Ina Elbracht draufsteht, ist Ina Elbracht und Köln drin und das bedeutet entweder eine uralte Sage oder historische Begebenheiten, welche zu einem Schauerroman weiterverarbeitet werden. Dabei erkennt man, dass die Autorin mit der Geschichte Kölns mehr als nur vertraut ist. Dadurch wirken die Storys niemals überladen, geschweige denn unauthentisch, egal wie viele Ghule, Geister oder Wiedergänger auch in den Storys auftauchen.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe

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Weitere Buchinformationen
  • Taschenbuch: 171 Seiten
  • Herausgeber: Blitz-Verlag (20. April 2020)
  • Auch erhältlich als: E-Book

Taschenbuch ist nur beim Blitz-Verlag erhältlich.

© Pink Anemone

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Weitere rezensierte Bücher von Ina Elbracht

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Blick hinter die Kulissen von „Klunga und die Ghule von Köln“:

© pixabay & Pink Anemone

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Autoren-Info
Bildquelle: blogbuster-preis.de

Jahrgang 1981
Ina Elbracht arbeitet im Kultur- und Medienbereich. Aufgewachsen in einem Häuschen unmittelbar neben dem örtlichen Friedhof, schreibt sie seit ihrer Kindheit. Ob aus diesem Grund oder einem anderen – Unerklärbares und Schauriges gehören fest zu ihren literarischen Themen. HIER kommt Ihr zur Facebookseite der Autorin.

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2 Kommentare zu „Rezension „Der Todesengel“ von Ina Elbracht ★★★★★

  1. Hallo!
    Ich muss wohl endlich mal zu einem Buch von Ina Elbracht greifen. Schon mit Klunga und die Ghule von Köln konntest du mich mit deiner Rezension begeistern und auch Der Todesengel klingt wieder total super. Du weißt halt wie du mich kriegen kannst. 😉
    Obwohl ich auf den ersten Blick nicht zu dem Buch gegriffen hätte, ich persönlich mag das Cover irgendwie gar nicht. Aber der Inhalt zählt und den hast du mir wirklich schmackhaft gemacht.
    Liebe Grüße
    Diana

    Gefällt 1 Person

    1. Die Bücher von Ina Elbracht sind absolut abgefahrener Scheiß, wenn ich das mal so sagen darf. Ich liebe ihre Art zu schreiben und ich habe da noch ein Buch von ihr hier, was ich demnächst rezensieren möchte. „Pentimenti“ ist so anders – sehr düster und böse, ergo ganz anders, aber sooo verdammt gut (aber nur auf 100 Stück limitiert, da Schmuckausgabe).
      Ich kann Dir also Bücher von Ina Elbracht wirklich uneingeschränkt empfehlen.
      Ich steh auf so Retro-Cover, aber Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden und wie Du sagst – es kommt auf den Inhalt an und der ist bei den wenigen Seiten wirklich ruckizucki weggelesen *g*.

      Liebe Grüße
      Conny

      Gefällt 1 Person

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