Klassiker · Rezensionen · Romane

Rezension „Die Nacht mit Nancy“ von Wilson Collison ★★★★

Obwohl Weihnachten schon vorbei ist, stelle ich diesen Klassiker im Rahmen meines Weihnachts-Specials „Retro Christmas“ vor. Wenn Ihr also Lust habt noch weiter mit Büchern, Comics und Games in den 20er, 30er, 40er und 50er Jahre zu schwelgen, dann klickt einfach auf das untere Bild und schon befindet Ihr Euch in der Vergangenheit….

© Pink Anemone

Dieser Klassiker entführt uns in die Anfänge der 30er Jahre und zwar in einen Haushalt, in dem Moral groß geschrieben wird, also gänzlich anders als F. Scott Fitzgerald in seinem Werk „The Great Gatsby“.

Im Anschluß gibt es ein Rezept zum Buch und diesmal ist es ein Cocktail – bisschen Dekadenz muss sein *g*.

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„Die Nacht mit Nancy“

30er Jahre / ein amüsantes Kammerspiel mit Atmosphäre und Wendungen

© Pink Anemone
Snobs, Zigaretten und Geheimnisse

Die Ostküsten-USA Anfang der 1930er Jahre. Eine Hausparty in einem großbürgerlichen Landhaus. Ein lauter Schrei lässt die Bewohner mitten in der Nacht aufschrecken. Die sittenstrenge Gastgeberin Mrs. Hanley eilt heran und traut ihren Augen kaum: In einem der Gästezimmer trifft sie nicht nur auf die junge, attraktive und nur mit einem Negligé bekleidete Witwe Nancy, sondern auch auf drei Männer in Pyjamas. Empört lässt sie alle Gäste und Bediensteten herbeirufen und fordert den jungen Anwalt Jimmie Landon auf, ein Kreuzverhör durchzuführen, um diese pikante Angelegenheit aufzuklären … (Klappentext)

© Pink Anemone

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„>>Die ganze Angelegenheit ist schrecklich verworren. Und bei einem rätselhaften Fall wie diesem bringt jede Art von Befragung unerfreuliche Dinge ans Tageslicht, kleine Vorkommnisse, die besser im Verborgenen bleiben. Aber wenn wir die Wahrheit herausfinden wollen, müssen die Leute ihre Geheimnisse preisgeben.<<
>>Ich denke<<, sagte Mrs. Hanley ein wenig unglücklich, >>dass wir das Ganze besser auf sich beruhen lassen sollten.<<“
(S. 93)

Ostküste USA Anfang der 30er Jahre. Die Hanleys veranstalten in ihrem Landhaus wieder einer ihrer Wochenendpartys, doch diesmal wird die Party von einerm Vorfall überschattet.
Nancy, eine junge und sehr hübsche Witwe, hat mitten in der Nacht geschrien. Als Mrs. Hanley, eine sehr auf Sitten und Anstand bedachte Person, in Nancys Zimmer stürzt, muss sie Fürchterliches erblicken. Nancy, dieses kokette Frauenzimmer, ist nur mit einem äußerst aufreizendem Negligé begkleidet, umringt von all den Männern, die dieses Haus derzeit beherbergt und ihr Gatte ist auch darunter. Die Empörung ist groß, vor allem bei den Ehefrauen der Männer.
Was war der Grund für dieses Geschrei, wer von den Männern hat Nancy etwas angetan und wieso verdammt kann sich dieses Frauenzimmer nicht endlich etwas Vernünftiges anziehen?
Der anwesende Anwalt Jimmie, der einzige Junggeselle unter den anwesenden Männern, findet das alles äußerst amüsant. Vor allem diese Empörung unter den Ehefrauen, die schuldbewussten Blicke der Männer und das ebenso amüsante Lächeln von Nancy. Diese wird von Mrs. Hanley und den Frauen als Opfer und Femme fatale zugleich betrachtet – Opfer und Schuldige in einem.
Jimmie macht sich daraus einen Spaß und beschließt diesen „Fall“ so zu behandeln, als hätte es einen Mordfall gegeben. Er beginnt zu verhören und zu ermitteln und treibt damit alle in den Wahnsinn. Außer Nancy, die sogleich in dieses Spiel einsteigt und es amüsant findet, die versnobten Ansichten der Anwesenden ordentlich durchzurütteln.

© Pink Anemone

„>>Gab es Unstimmigkeiten in Ihrer Ehe?<<
>>Viele.<<
>>Hat er sie jemals beschuldigt, zu viel zu flirten?<<
>>Oh ja<<, gestand Nandy mit einem schwachen Lächeln, >>morgens, mittags und abends.<<“
(S. 33)

Obwohl man mit diesem Buch keinen Kriminalroman vor sich hat, ist es doch spannend zu verfolgen, was hier aufgedeckt wird.
Während der Anwalt Jimmie nämlich die drei Ehepaare und die Witwe Nancy „verhört“, kommt so manches ans Tageslicht. Der „Fall“ selbst rückt dabei eher in den Hintergrund und im Verlauf sind alle nur noch begierig darauf von jedem Anwesenden Geheimnisse zu erfahren, um daraufhin schockiert zu tun.
Es kommt zum Beispiel zu Tage, dass Nancy überhaupt keine Witwe ist und auch bei ihrem Alter mehrmals geschummelt hat. Bei jedem Ehepaar scheint es zu kriseln und dies kann Jimmie nur recht sein, ist er doch eigentlich Scheidungsanwalt.

© Pink Anemone

„Es schien ihm, als würde Mrs. Hanley absichtlich lügen. Sie hatte irgendeinen Verdacht gehabt und hatte extra ihre Sachen anbehalten, damit sie sofort aus ihrem Zimmer geschossen kommen konnte, sobald vielleicht irgendetwas passierte, von dem sie erwartet hatte, dass es VIELLEICHT passieren könnte. Das war ganz offensichtlich.“ (S. 49)

Diese Story ist ein unterhaltsames Lesevergnügen im Stil eines Kammerspiels, daher überwiegen natürlich die Dialoge. Das Haus, bzw. das Zimmer, in dem diese vermeintliche Vernehmung stattfindet, wird nie verlassen und doch schafft es Collison Atmosphäre zu schaffen.
Zusätzlich erhält man ein Sittengemälde der US-Mittelschicht der anderen Art. Während z.B. F. Scott Fitzgerald, Autor von „The Great Gatsby“, den dekadenten und ausschweifenden Lebensstil der Roaring Twenties in seinen Werken thematisiert, widmet sich Wilson Collison dem anderen Extrem – den biederen Snobs, die solche Exzesse verurteilen und derartige Ausschweifungen nahezu als Sündenpfuhl betrachten und sich davon deutlich distanzieren wollen. Moral wird bei ihnen groß geschrieben, doch im Verlauf wird schnell klar, dass hier jeder Dreck am Stecken hat und eventuell solchen Ausschweifungen nicht ganz abgeneigt ist.
Mitten drin Nancy, die in diese Gesellschaft der Snobs so gar nicht hineinzupassen scheint und das Bild der selbstbewussten und präemanzipierten Frau verkörpert und das obwohl sie so gut wie nichts sagt, geheimnisvoll lächelt und eine Zigarette nach der anderen raucht. Sie ist Objekt und Protagonistin zugleich.

Als LeserIn fühlt man sich, als wäre man mitten drin, statt nur dabei. Man verfolgt die Unterhaltung gespannt, ist begierig darauf zu erfahren was wirklich passierte und was sich hinter den Türen und Fassaden der allzu sittsamen Snobs wirklich abspielt. Während des Lesens Popcorn zu knabbern ist also durchaus angebracht.

© Pink Anemone

„Er hatte versucht, die ganze Angelegenheit neutral zu betrachten, ein unvoreingenommener Richter zu sein, aber jetzt schien ihm, dass im Garten gestern Nacht deutlich mehr Rätselhaftes vorgefallen war als in Nancys Schlafzimmer …“
(S. 169)

Der Schreibstil ist flüssig und, wie bereits erwähnt, ist die Erzählweise mit einem Kammerspiel zu vergleichen. Dies liegt wohl auch daran, dass Wilson Collison vor allem Bühnenstücke für den Broadway schrieb und dort durchaus Erfolge feierte.

Fazit:
Dieses Buch fand ich in einem  Buch-„Ramschladen“ und hat mich durch sein Cover magisch angezogen. Das Cover war auch der Grund für den Kauf. Obwohl das Cover einen Erotikroman suggeriert und ich dieses Genre normalerweise meide wie der Teufel das Weihwasser, musste ich es haben, denn ich liebe den Retro-Stil und wollte das Cover ursprünglich nur in einen Bilderrahmen stecken.
Gut das ich das Buch doch gelesen habe, denn „Die Nacht mit Nancy“ war für mich eine leichte und amüsante Lektüre, die mich  mehrmals schmunzeln ließ. Mich trieb nicht die Spannung, sondern die Neugierde an. Hier kam wohl mein innerer Voyeur zum Vorschein *g*.
Wer Tiefe erwartet, wird hier enttäuscht sein. Wer von Klischees nichts hält ebenso. Normalerweise gehöre ich zu genau diesen Leserinnen, doch es war für mich angenehm einmal das Hirn auszuschalten, einfach nur den amüsanten Dialogen zu folgen und dabei vor mich hin zu schmunzeln. Man könnte sagen, dieses Buch ist „Big Brother“ mit Stil und Atmosphäre und ich wurde bestens unterhalten.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe

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Weitere Buchinformationen
  • Herausgeber: Louisoder; 2. Edition (24. August 2016)
  • Originaltitel: One Night with Nancy
  • Gebundene Ausgabe: 249 Seiten
  • ISBN-10: 3944153324
  • ISBN-13: 978-394415332
  • Preis: ab ca. 19,90€
  • Auch erhältlich als: E-Book
© Pink Anemone

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Autoren-Info
Bildquelle: Wikipedia

Wilson Collison (geboren November, 1893 / gestorben Mai, 1941) war Dramatiker und Schriftsteller, sein Ruhm begann mit dem Broadway-Hit Up in Mable’s Room. Stücke wie Red Dust oder Mogambo wurden mit Clark Gable zu Kino-Hits, der Roman The Red-Haired Alibi der erste abendfüllende Film mit Shirley Temple. Collison, in Ohio geboren und in Beverly Hills, Califonien gestorben, veröffentlichte neben Das Haus am Kongo zahlreiche Romane mit unkonventionellen jungen Frauen als Heldin.

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Rezept zum Buch

Nancy-Cocktail
© Pink Anemone / Mit Klick auf das Bild, gelangt Ihr zum Rezept

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