Rezensionen · Thriller/Krimis

Rezension „Die Einsamkeit der Schuldigen – Das Verlies“ von Nienke Jos ★★★★★

Diese Rezension veröffentliche ich im Rahmen meines Winterspecials „Hüttenzauber“. Dort könnt Ihr Euch in eine kleine Berghütte mit gemütlichem Kaminfeuer träumen und durch Bücher mit Schnee- und Eis-Setting und das ein oder andere Rezept stöbern.
Zu diesem Special gelangt Ihr, indem Ihr auf das unter Bild klickt.

© Pink Anemone

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„Die Einsamkeit der Schuldigen – Das Verlies“ von Nienke Jos

Ein ruhiger Psychothriller in einem fantastischem Erzählstil und der unter die Haut geht.

© Pink Anemone
Der Aal-Mann

Ein eindrucksvolles Thriller-Debüt, einzigartig und mit unverkennbarer Sprache: Scheinbar harmlose Begegnungen führen in den Sog einer unaufhaltsamen Katastrophe, die das Leben sieben einander fremder Menschen unheilvoll miteinander verknüpft. Nienke Jos erweist sich als feinfühlige Schöpferin gläserner Seelen, deren Lebenswege sie mit kompromissloser Stringenz an den Abgrund führt. Der Leser wird mitgerissen in ein Labyrinth aus Faszination und Abscheu. Ein psychologisches Meisterwerk… (Klappentext)

© Pink Anemone

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„Von seiner vorangegangenen Erregung war nichts mehr übrig. Aber die kommt wieder, beruhigte er sich.
Er drückte aufs Gaspedal und tobte die Landstraße entlang. Kein Auto begegnete ihm. Er raste weiter auf die Dunkelheit zu, die ihn bereitwillig verschluckte. Ihn und die Frau.“
(S. 107)

Der Zufall wollte es, dass diese Personen irgendwann aufeinander treffen. Alles begann bereits 1988, als ein kleiner Junge etwas sah, was er nicht hätte sehen sollen und was dazu führte, dass voneinander unabhängige Ereignisse schicksalhaft in Verbindung gebracht wurden und zu diesen Begegnungen führten.
Einige dieser Personen begleiten wir hier:

  • Junia – Trainerin eines Erholungszentrums; sie ist auf der Suche nach einer Konstante in ihrem Leben, einem Zuhause. Sie verliebt sich in Thies.
  • Thies – Arzt und unglücklich mit einer Alkoholikerin verheiratet; er ist innerlich zerrissen und unschlüssig. Er geht mit Junia eine Affäre ein, doch was steckt wirklich hinter seiner Ehe?
  • Ruben – ebenfalls Arzt und Kollege von Thies; ebenfalls unglücklich verheiratet und vögelt die Frau von Thies.
  • Ann – die man schon im Prolog kennenlernt. Auch unglücklich verheiratet und das mit einem wahren Unsympathler. Sie fühlt sich einsam, ungeliebt und verkümmert emotional während der Ehe. Sie verschwindet nach einer Mountainbiketour spurlos, welche Junia veranstaltetes.
  • Theodor – Psychiater und wohl der Einzige der hier glücklich verheiratet ist und psychisch wie auch seelisch ausgeglichen ist und seine Arbeit liebt … bis ständig diese Eleonor Moos vor seiner Klinik aufzutauchen scheint.
  • Eleonor Moos – sie bleibt lange undurchschaubar; obwohl sie eher im Hintergrund ist, ist sie ständig präsent.
  • Der Täter – dieser lässt seine geheimen und perversen Phantasien endlich real werden und entführt dafür eine Frau; ein Täter, der sich als Opfer sieht.

Schon hier erkennt man vereinzelte Bande, welche beginnen sich miteinander zu verknüpfen. Im Verlauf der Story vermehren sich diese zunehmend und doch ist das wahre Ausmaß dieser schicksalhaften Begegnungen erst am Ende erkennbar.

© Pink Anemone

„>>Die Maske aber, die Menschen tragen, ist meistens besser. Sie ist oft so wirkunsvoll, dass bei Aufklärung eines Falls alle aus den Wolken fallen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Menschen ein Doppelleben führen oder Verbrechen begehen, von denen niemand je etwas hätte ahnen können.<<“
(S. 135)

Man liest abwechselnd aus diesen verschiedenen Perspektiven, begleitet die jeweiligen Figuren und sieht daher tief in deren Seelen und Gedanken.
Das Bemerkenswerte bei diesem Thriller ist, dass jede Perspektive beim Lesen eine andere Stimmung und Atmosphäre erzeugt.

Bei Junia ist dies eher von ruhiger Art, jedoch nicht weniger intensiv. Sie ist eine Suchende, welche selbst nicht weiß wohin sie gehört oder wer sie ist und krampfhaft versucht sich einen Ruhepol in ihrem Leben zu suchen, um zu sein wer sie nicht ist.
Dies versucht sie mit Thies, doch man merkt rasch, dass das Drama vorprogrammiert ist. Hier kommt es auch zu durchaus tiefsinnigen Gesprächen und schönen Anekdoten.

Mit Theodor begleiten wir einen Psychiater bei seiner Arbeit und ist bei so mancher Therapiesitzung dabei. Hier begegnen einem viele Schicksale und verschiedene psychische Erkrankungen, wie z.B. eine Mutter mit einer Zwangsneurose, die ihr Kleinkind aufgrund dessen blutig geschruppt hat, oder ein junges Mädchen, dass sich selbst verletzt, um Aufmerksamkeit zu bekommen.
Die Atmosphäre ist hier eher drückend, wobei es mich gleichzeitig faszinierte und ich es interessant fand hinter diese Schicksale zu blicken.
Weiters ist Theodor der Ruhepol in der Story, welcher einen zwischendurch etwas Luft holen lässt.

Die Atmosphäre, welche einem bei den Passagen des Täters begleitet ist verstörend und schockierend.
Man ist bei der Planung des Verbrechens dabei und somit bei den inneren Konflikten, die er durchmacht, da er sich selbst als einer der Guten sieht und im Grunde kein Verbrechen begehen will. Er versucht dies alles zu rechtfertigen und dann ist er endlich „mutig“ und zieht es durch.
Diese Perspektive harte Kost, da hier gewisse Handlungen detailliert beschrieben werden.

Thies ist anfangs nur schwer einzuschätzen. Bei ihm klingelten jedoch schnell meine Alarmglocken. Die Autorin lässt einem erst nach und nach hinter diese Fassade blicken und daher ändert sich die Atmosphäre zunehmend.

© Pink Anemone

„Er konnte andere beobachten, sich daraus einen Charakter schmieden. Jemand werden, der von allem etwas in sich hatte. Er lernte Reaktionen auswendig, analysierte Schwächen und Stärken. Da war er wieder. Sein analytischer Verstand.“
(S. 386)

Man erhält hier also Einblicke in seelische Abgründe und verschiedene Psych. Erkrankungen, wie es den jeweiligen Figuren damit ergeht, welche Gedankengänge und was für ein Gefühlschaos sie plagen, welche Auswirkungen dies auf die Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung hat und wie es dadurch zu all diesen Verkettungen der Ereignisse führt.

Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und mit einer Intensität, welche einem in dieses Chaos hineinreißt und einem daher immer weiterlesen lässt.
Manchmal derb und ungeschönt, dann wieder in ruhigen und nachdenklichen Tönen. Die Autorin richtet sich dabei ganz nach ihren Protagonisten und transportiert diese emotionale Achterbahn hervorragend an die LeserInnen.

Es ist kein actiongeladener Thriller, sondern einer der ruhigen und äußerst intensiven Art, der einem lange im Dunkeln lässt, mit überraschenden Wendungen punktet und schließlich zu einem schlüssigen und ebenso schockierenden Ende führt.

© Pink Anemone

„Sie rannte. Sie rannte, so schnell sie konnte, davon. Nicht zum ersten Mal, und auch jetzt wusste sie, dass es vergebens war. Dass sich nichts ändern würde. Man konnte nicht weglaufen. Nicht vor der Schuld. Und erst recht nicht vor sich selbst.“
(S. 447)

Fazit:
Dieser Psychothriller ging mir wirklich unter die Haut und das aufgrund der fantastischen Erzählweise der Autorin, welche mich ganz tief in das Geschehen und vor allem in die Gedankenwelt der Protagonisten zog.
Aufgrund der Triggerwarnungen, ohne die das Buch nicht auskommt, ist es jedoch nicht für jeden geeignet. Für mich war es jedoch ein wahres Lesehighlight.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe

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Bloggermeinungen

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Weitere Buchinformationen

Triggerwarnungen: Psych. Erkrankungen, sexueller Mißbrauch

  • Herausgeber: Gmeiner-Verlag; 2019. Edition (13. Februar 2019
  • Taschenbuch: 508 Seiten
  • ISBN-10: 3839223903
  • ISBN-13: 978-3839223901
  • Preis: ab 15,70€ (Stand vom 23.02.2021)
  • Auch erhältlich als: E-Book und HB
© Pink Anemone

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Autoren-Info
© Christian Müller

Nienke Jos, geboren 1980 am Niederrhein, wird nach ihrem Abitur Gymnastiklehrerin und widmet sich hauptsächlich dem Mountainbikesport. 2016 verlagert sie ihren Lebensmittelpunkt nach Wiesbaden. Mit dem Umzug in die Wahlheimatstadt verändert sich auch ihre berufliche Situation. Geschrieben hat Nienke Jos nie, dennoch gelang ihr mit dem ersten Thriller ein Überraschungserfolg und damit der Durchbruch als Autorin. Bisher erschienen sind im Gmeiner Verlag der Zweiteiler »Die Einsamkeit der Schuldigen – Das Verlies« und »Die Einsamkeit der Schuldigen – Der Abgrund« und „Die Angst der Schweigenden“.(Quelle: Gmeiner-Verlag)

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7 Kommentare zu „Rezension „Die Einsamkeit der Schuldigen – Das Verlies“ von Nienke Jos ★★★★★

  1. Huhu, da musste ich doch mal schauen wie bei dir das Verlies ankam. Geniale Rezension und obwohl es lange her ist, dass ich es gelesen habe, hast du mich sofort wieder dorthin geführt. Schon genial was so alles in Erinnerung bleibt. Eine richtig böse Geschichte, die alles parat hielt, was zu einem Thriller gehört.
    Liest du auch „Der Abgrund“? Es ist ähnlich gut aber anders und offenbart noch viel mehr.
    Hab einen schönen Tag, liebe Grüße Kerstin:-*

    Gefällt mir

  2. Huuhuuuuuu :-*

    Ich weiß das Kerstin von der Autorin begeistert ist udn liebäugle schon länger mit ihren Titeln. Nun bist du ebenfalls im Sog ihrer Worte und ich wieder neugierig, die Geschichte selbst zu entdecken! Wenn ich mir deine Worte so durchlese ist die Printversion wohl eine bessere Wahl, zu viele Perspektiven in einem Hörbuch bringen mich durcheinander XD
    Nicht actiongeladen, sondern ruhig spricht mich nochmal besonders an, denn Thriller gehören absolut nicht mehr zu meinem favorisiertem Genre, da alles überladen und überzogen ist.
    Und das dir die Geschichte unter die Haut ging sagt für mich alles: lesen will!

    Muckelige Grüße meine Feine!

    Gefällt 1 Person

    1. Wenn ich das Buch nicht von Kerstin bekommen hätte, wäre diese Autorin völlig an mir vorüber gegangen. Das wäre ja ein Mist gewesen. Sie schafft die psychologischen Wirrungen und Irrungen so gut zu transportieren. Und Du weißt ja, dass ich so eine kleine Hobbypsychologin bin und mich total kaputte Figuren besonders anfixen.
      Ich lese auch gern mal blutig-brutale Thriller. Es kommt immer darauf an. Nicht nur auf meine Stimmung, sondern vor allem WIE es geschrieben wurde. Wenn der Erzähltstil passt, dann können die AutorInnen durchaus auch mit paar Klischees daherkommen. Es muss nur gut verpackt sein *g*.
      Auf Alko-Detectives und privat durchgebeutelte Ermittler, bei denen das im Vordergrund steht, habe ich aber auch keine Lust mehr. Denn DAS ist vom Plot her meist wirklich nur noch Einheitsbrei.

      Drück Dich
      Conny

      Gefällt 1 Person

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