Historische Romane · Rezensionen

Rezension „Das Wunder“ von Emma Donoghue ★★★★

Mitte 19. Jahrhundert / Ein außergewöhnlicher Roman mit interessanter und vor allem ungewöhnlicher Thematik, der auch durch die Charaktere besticht.

Historisches zur Thematik des Buches

Die sogenannten Fastenmädchen waren besonders in der viktorianischen Ära verbreitet, dies sowohl in Europa als auch in Amerika. Diese „Fasting Girls“ waren vermeintlich in der Lage über längere Zeiträume ohne Nahrung auszukommen. Das hatte meist einen religiösen Hintergrund, zumindest wurde dies von den Mädchen und deren Familien behauptet. Diese Mädchen hatten den Ruf aufgrund ihrer „Gabe“ magisch-religiöse Eigenschaften zu besitzen, wie z.B. zu heilen oder Segen spenden zu können und wurden daher nicht selten von anderen Gläubigen als „heilig“ betrachtet. Dies war der Grund weshalb nicht selten zu diesen Mädchen gepilgert wurde und der Familie Almosen und Geld gab, um von dem Mädchen gesegnet zu werden.

Bekannte Fastenmädchen:

Mollie Fancher (1848-1916);
auch als „Brooklyn Enigma“ bekannt. Sie besuchte eine gute Schule und war auch eine ausgezeichnete Schülerin. Als sie 16 Jahre war, wurde bei ihr Dyspepsie (Verdauungsstörung) diagnostiziert. Als sie ca. 19 Jahre war, wurde bekannt, dass sie 7 Wochen ohne Nahrung auskam. Nach zwei Unfällen (1964 und 1965) wurde sie für ihr Fähigkeit auf Nahrung zu verzichten berühmt. Aufgrund der Unfälle erblindete sie und verlor ihre Sinne zu tasten, zu schmecken und zu riechen. Sie behauptete, Kräfte zu besitzen, welche sie in die Lage versetzen auch ohne Sehvermögen zu lesen und auch Ereignisse vorauszusagen. In den späten 1870er Jahren behauptete sie, für viele Monate wenig bis gar nichts zu essen. Ihre Nahrungsabstinenz dauerte 14 Jahre. Viele Menschen und vor allem Ärzte stellten ihre Fähigkeiten in Frage und wollten Tests durchführen, um die Wahrheit ihrer Behauptungen zu überprüfen. Sie starb im Februar 1916, ohne dass diese Behauptung bestätigt oder widerlegt werden konnte.

Bildquelle: Wikipedia

Sarah Jakob (1857-1869);
auch als „Welsh fasting girl“ bekannt. Dies ist ein besonders tragischer Fall der zum Tod und einer Verhaftung führte.
Sarah und ihre Eltern behauptete, dass sie seit ihrem 10 Lebensjahr kein Essen mehr zu sich genommen hat. Ein anfänglich skeptischer örtlicher Pfarrer wurde überzeugt, dass der Fall authentisch sei, und Jacob genoss eine lange Zeit eine gewisse Berühmtheit, während der sie zahlreiche Geschenke und Spenden von Leuten erhielt, die glaubten, dass sie ein Wunder sei.

Die Ärzte standen dieser Behauptung natürlich mit Skepsis gegenüber und schlugen schließlich vor, dass sie in einem Krankenhaus überwacht werden soll, um zu sehen, ob ihre Behauptungen über das Fasten wahr waren. Im Jahr 1869 einigten sich ihre Eltern auf einen Test der unter strenger Aufsicht von Krankenschwestern im Guy’s Hospital durchgeführt werden soll. Die Krankenschwestern wurden angewiesen, Jacob nicht das Essen zu verweigern, wenn sie danach fragte, sondern vor allem alles was sie erhielt zu beobachten und aufzuzeichnen.
Nach zwei Wochen zeigte Sarah deutliche Anzeichen von Hunger. Der Pfarrer sagte den Eltern, dass sie versagt haben und dass die Krankenschwestern weggeschickt werden sollen, damit Sarah endlich wieder Essen bekommen kann. Die Eltern lehnten ab und weigerten sich, trotzdem sie darüber informiert wurden, dass ihre Tochter im Sterben lag, und bestanden darauf, dass der Mangel an Nahrung nichts mit ihren Symptomen zu tun hätte.
Sarah starb einige Tage später – sie war verhungert. Es stellte sich heraus, dass sie heimlich sehr wenig Essen konsumiert hatte, was sie unter ärztlicher Aufsicht nicht mehr tun konnte.
Ihre Eltern wurden daraufhin wegen Totschlags angezeigt und zu Zwangsarbeit verurteilt.

Bildquelle: Wikipedia
Informationsquelle: Wikipedia
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Die Wärterin

Irland Mitte des 19. Jahrhunderts: In einem kleinen Dorf, dessen Bewohner tief im katholischen Glauben verwurzelt sind, staunt man über ein leibhaftiges Wunder. Seit vier Monaten hat die kleine Anna O’Donnell keine Nahrung zu sich genommen und ist doch durch Gottes Gnade gesund und munter. Die unglaubliche Geschichte lockt viele Gläubige an, aber es gibt auch Zweifler. Schließlich beauftragt man die resolute englische Krankenschwester Lib Wright, das elfjährige Mädchen zu überwachen. Auch ein Journalist reist an, um über den Fall zu berichten. Werden sie Zeugen eines ausgeklügelten Schwindels oder einer Offenbarung göttlicher Macht?…(Klappentext)

© Pink Anemone

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„Im Hinausgehen warf jeder Besucher ein Almosen hinein.
Das Balg war offenbar eine ebenso erträgliche Attraktion wie Menhire oder Keltenkreuze.“
(S. 47)

 

Es wird hier ausschließlich aus der Sicht der Krankenschwester Lib Wright erzählt.
Lib ist ein Charakter der keineswegs (von Anfang an) sympathisch ist. Ein überhebliches Frauenzimmer aus der Großstadt mit Vorurteilen gegenüber der ländlichen Bevölkerung und den Iren im Allgemeinen. Des Weiteren ist sie eine Nightingale-Schwester und fühlte sich schon an ihrem vorherigen Arbeitsplatz, einem Londoner Krankenhaus, den anderen Schwestern überlegen. Sie wurde aufgrund dessen auch nicht wirklich gemocht. Dementsprechend überqualifiziert fühlt sie sich, als sie erst bei der Ankunft im Dorf erfährt, dass sie einfach nur als Wärterin für ein kleines Mädchen fungieren soll. Diese Arbeit soll sie sich mit einer zweiten Wärterin teilen und diese ist ausgerechnet eine katholische Nonne.
Beide wurden sie von einem Komitee einberufen, um diesen Schwindel, bzw. dieses göttliche Mirakel, aufzudecken. Für Lib ist von Anfang an klar, dass es sich hier nur um lächerlichen und fanatisch katholischen Firlefanz handelt, den sie schnell aus der Welt schaffen würde. Doch das erweist sich wesentlich schwieriger als gedacht.

© Pink Anemone

„Wie kamen sie bloß darauf, ein junges Mädchen zur Heiligen zu erklären, nur weil sie sich einbildeten, es sei über gewöhnliche menschliche Bedürfnisse erhaben?
Der Zirkus erinnerte Lib an Karnevalsumzüge auf dem Kontinent, wo maskierte und kostümierte Statuen durch die stinkenden Gassen paradierten.“
(S. 46)

Dieser historische Roman stützt sich auf dokumentierte Fälle der sogenannten „Fasting Girls“ (Fastenmädchen). Diese fand man vor allem vom 16. bis 20. Jahrhundert sowohl in Amerika als auch in Europa. Heute würde man es als Anorexie (Magersucht) bezeichnen, doch der Grund dieses Fastens war früher meist von katholischem Fanatismus geprägt. Der Kampf zwischen Agnostikern und Mystikern durchzieht diesen Roman wie einen roten Faden.

Dadurch das man hier in ein erzkatholisch irisches Dorf in der Mitte des 19. Jahrhunderts reist, erhält man tiefe Einblicke in das Leben und die Denkweise der damaligen streng katholischen Bevölkerung. Thematisiert werden hier vor allem Fundamentalismus und Extremismus. Es ist befremdlich und vor allem bedrückend mit anzusehen, wie sich ein 11-jähriges Mädchen diesem Dogma unterwirft und sich dadurch selbst zerstört – unter den Augen der Familie, welche sie auch noch darin unterstützen, da sie selbst diesem Glauben ganz und gar verfallen sind.
Die Auflösung dieses Wunders ist schockierend und überhaupt nicht mehr so „historisch“. Dies ist vor allem vom psychologischen Standpunkt her interessant.
Für mich als Krankenschwester war es ebenso interessant in die Sicht-, Denk- und Arbeitsweise einer Schwester der damaligen Zeit und vor allem einer Nightingale zu blicken. Dabei hat es mir nicht selten vor Entsetzen die Haare aufgestellt.

„Es gehörte nicht zu ihren Aufgaben nett zu sein.“
(S. 55)

Die Charakterzeichnung ist mehr als nur gelungen und vor allem mit Lib und Anna hat die Autorin zwei äußerst interessante Protagonisten erschaffen. Sympathieträger sucht man hier anfangs vergebens – jeden einzelnen möchte man am liebsten durchschütteln und anbrüllen. Dies macht diesen historischen Roman jedoch umso lesenswerter, da dadurch die Charakterentwicklung der beiden Protagonistinnen etwas ganz besonderes ist und ins Auge sticht.

Der Schreibstil selbst ist flüssig und der Erzählstil passt sich in gewisser Weise der damaligen Zeit an, ohne jedoch vertrocknet und altbacken zu klingen. Im Gegenteil! Dies erhöht die Atmosphäre und man fühlt sich als Leser in das 19. Jahrhundert zurückversetzt.

© Pink Anemone

Es ist durchaus spannend mit der Nightingale-Schwester Lib dieses sogenannte Wunder zu enttarnen. Dabei rollt man gemeinsam mit ihr über so viel heiligen Fanatismus, welcher das gesamte Dorf betrifft, genervt die Augen. Hin und wieder kommt es jedoch zu kleinen langatmigen Stellen, wobei das Meckern auf hohem Niveau ist und dies vermutlich auch meiner Ungeduld geschuldet war dieses Wunder endlich als Humbug aufzulösen und dem Mädchen zu helfen.

Zusätzlich möchte ich noch die wundervolle und hochqualitative Aufmachung dieses Buches erwähnen. Das Buch verrät eine Liebe zum Detail und ist alleine für sich schon ein Hingucker.

© Pink Anemone

Fazit:
Ein außergewöhnlicher historischer Roman mit interessanter und vor allem ungewöhnlicher Thematik, die sich auf reale Fälle stützt. Zudem kann man die Themen wie Anorexie, Fanatismus und Fundamentalismus auch sehr gut in unsere Zeit übertragen, da sie derzeit aktueller sind denn je sind.
Mich konnte jedoch nicht nur die Thematik begeistern, sondern vor allem auch die Charaktere und deren Entwicklung. Dieses Buch ist der Beweis, dass ein Roman auch ohne (anfängliche) Sympathieträger funktionieren kann. Dies hat dem Roman, meiner Meinung nach, noch die gewisse Würze verliehen. Trotz weniger Längen konnte mich dieser Roman begeistern und ließ mich gleichzeitig auch nachdenklich zurück.
Es ist ein historischer Roman der sich einem einprägt und nicht mehr so schnell loslässt.

© Pink Anemone

© Pink Anemone

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Leseprobe (Quelle: Randomhouse-Bloggerportal): Das Wunder

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Weitere Rezensionen:

© Lesen in vollen Zügen

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Autoren-Info:

Bildquelle: Emma Donoghue; © punch-photographic

Die Schriftstellerin Emma Donoghue wurde 1969 in der irischen Hauptstadt Dublin als jüngstes von acht Kindern geboren und war seit Beginn ihres Lebens von Büchern umgeben. Dafür sorgte der Beruf ihres Vaters – Literaturkritiker und Universitätsprofessor Denis Donoghue. Sie studierte Englisch und Französisch in Dublin und Cambridge. Dort traf sie ihre kanadische Lebenspartnerin Christine Roulston, mit der sie 1998 nach Kanada übersiedelte und heute noch mit ihrer Partnerin und ihren beiden Kindern lebt. Seit 2004 besitzt Donoghue auch die kanadische Staatsbürgerschaft.
Seit ihrem 23. Lebensjahr verdient Emma Donoghue selbst ihren Lebensunterhalt als Autorin. Sie verfasste Romane, literaturgeschichtliche Werke, Märchen, Kurzgeschichten, Hörspiele, Bühnenstücke und Drehbücher. Mit „Raum“ wurde sie zur internationalen Bestsellerautorin. Die Verfilmung, basierend auf Donoghues Drehbuch, wurde für vier Oscars nominiert. Weitere Informationen findet Ihr auf ihrer Homepage.

Weitere Bücher von Emma Donoghue:
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Weitere Buchinformationen:
Enthält Werbung!
Rezensionsexemplar mit Dank an das Randomhouse-Bloggerportal und den Wunderraum-Verlag!
© Wunderraum-Verlag
© Randomhouse-Group
  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag: Wunderraum (13. November 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3336547881
  • ISBN-13: 978-3336547883
  • Originaltitel: „The Wonder“
  • Preis: 25,00€ (Stand vom 15.06.2018)
  • Auch erhältlich als E-Book
© Pink Anemone

 

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7 Kommentare zu „Rezension „Das Wunder“ von Emma Donoghue ★★★★

  1. Wirklich schöne Rezension! Ich finde es super, dass du auch gleich etwas näher den historischen Hintergrund erläutert hast, davon hatte ich bisher noch gar nichts gehört. Hört sich aber alles echt interessant an, vielleicht schaue ich da auch mal rein 🙂

    LG
    Anja

    Gefällt 1 Person

  2. Von „Fastenmädchen“ habe ich noch nie gehört und die Hintergrundinfos dazu mit Interesse gelesen. Schrecklich besonders der Fall von Sarah Jakob! Das Thema und was durch Fanatismus und verzweifeltem Glauben an Wunder daraus wird, klingt aber trotz der bedrückenden und negativen Aspekte wirklich interessant.
    LG Gabi

    Gefällt 1 Person

    1. Ich hatte bis zu diesem Buch auch keine Ahnung von diesen Fastenmädchen und fand es ebenso interessant wie auch schockierend. Das Schlimme, es ist immer noch in gewisser Weise aktuell…
      Liebe Grüße
      Conny

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